Freitag, Juni 23, 2006

Die Berliner Mauer

Immer wieder mal versuche ich zu fassen, dass vor gut 16 Jahren meine Strasse von der Mauer geradezu umzingelt war. Die Köpenicker Straße war ganz im Osten des damaligen Westberlins, verlief parallel zur Mauer und war zudem in der Mitte getrennt - die andere Hälfte war im sowjetischen Sektor.

An vielen Stellen in der Stadt ist kaum mehr zu erahnen, dass dort 1989 noch eine Mauer stand und Ost- und Westberlin voneinander trennte. An anderen Stellen stehen noch ganze Mauerstücke, die der Erinnerung dienen sollen. Das längste Stück Mauer, das noch steht, ist einen guten Kilometer lang und nennt sich „East Side Gallery“. Es wurde von internationalen Künstlerinnen und Künstlern nach der Wende bemalt und wurde so zur „Galerie“. Heute ist es grösstenteils versprayt oder rekonstruiert worden. Als ich letzten Sommer zum ersten Mal dem langen Mauerstück entlang ging, überkam mich ein beklemmendes Gefühl, obwohl ich mir die Mauer immer höher vorgestellt hatte, als sie tatsächlich ist.

Seltsamerweise spricht man meist davon, dass die Leute in Ostberlin und der DDR eingesperrt waren. Tatsächlich war aber das "freie" Westberlin von der Mauer umgebenes Gebiet inmitten der DDR.

Persönlich erzählte Lebensgeschichten, die von der Mauer geprägt sind, stimmen mich nachdenklich: Verwandte, die während des Mauerbaus geflüchtet sind oder durch die Mauer getrennte Familien. Oder das positive Bild vom Westen einer Ostberlinerin, die nach dem Mauerfall begriff, dass der Westen gar nicht so ist, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, und in eine Depression fiel.

Der Berliner Mauertourismus ist nicht zu unterschätzen, macht dieses Stück Geschichte eine Besonderheit der Stadt aus. Einige setzten sich ernsthafter damit auseinander, andere begnügen sich, beim berühmtesten damaligen Übergang am „Checkpoint Charlie“ die Kontrollbaracke wie irgendeine andere Sehenswürdigkeit zu fotografieren. Sie wissen wohl nicht, dass die zu Mauerzeiten gar nicht dagestanden hat. Wiederum andere beweisen, dass sich selbstverständlich auch Geschichte kommerzialisieren lässt: Drei „historische“ Museen, unzählige Imbissbuden, Internetcafés und Anbieter für Mauerspaziergänge konkurrieren beim „Checkpoint Charlie“ um touristische Kundschaft. Souvenirshops verkaufen massenweise „officially certified original Mauerstücke“ und andere Unglaublichkeiten zu horrenden Preisen. Da schlagen sich manche Touristinnen und Touristen einfach selbst ein Stück aus der übrig gebliebenen Mauer.

Ich kann es nach wie vor nicht fassen, was ein Leben mit Mauer wirklich bedeutet haben muss, und es erschreckt mich, dass andernorts wieder Mauern gebaut werden. Momentweise wird mir gerade im Zusammenhang mit der Mauer wieder klarer, warum es sich lohnt, sich für eine "freie" Demokratie einzusetzen.
Die Geschichte Zürichs im 20. Jahrhundert ist verglichen mit Berlin geradezu richtig langweilig. Aber Langeweile hat eben auch ihre angenehmen Seiten.

Das übrig gebliebene Stück Mauer beim Gropius-Bau.

4 Comments:

Anonymous Anonym said...

Ich kann es nach wie vor nicht fassen, was ein Leben mit Mauer wirklich bedeutet haben muss ...

Lass dir von einem gebürtigen Westberliner sagen, dass das so schlecht nicht wahr, das Leben im "eingemauerten" Westberlin. Erstens konnte man ja trotzdem nahezu überall hin (außer schnell mal ins Umland, wie heute) und zweitens hatte man US-amerikanische, französische und britische Truppen hier. Abgesehen davon, dass die einen vor dem "bösen" Osten beschützten, gab es deren Tage der offenen Türen, die hatten ihre Clubs und Discos (kam man auch als Deutscher oft rein, konnte/musste man aber z. B. in Dollar bezahlen und trank/aß dafür deren "Zeug"), es gab nette Kulturveranstaltungen und Alltagsbegegnungen (wenn die zum Beispiel Manöver hatten, im Grunnewald oder an der Havel zum Beispiel - war lustig, auch zum Fotos machen. Also von der "richtigen Seite" aus betrachtet war die Mauer in meinen Augen nicht so schlimm. Wenn man nicht gerade daneben wohnte, ist sie einem auch nicht ständig aufgefallen. Und man wusste, man ist "Frontstadt", man war irgendwo was Besonderes, nahezu Einmaliges. Das hatte schon was!

Nicht zu vergssen übrigens die "Soldatensender" AFN, BFBS und den vom Franzosen. Diese Radiosender vermisse ich am meisten!

7/28/2006 01:41:00 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Kein Alliierten-Volksfest oder -sender, auch nicht diverse finanzielle Vergünstigungen (8-prozentige Berlin-Zulage, preiswertes Telefonieren usw.) waren auch nur annähernd ein Ausgleich für eine perverse Situation, verursacht durch das perverse "kommunistische"- und DDR-Regime. Wir West-Berliner haben damals für Deutschland und - so abgedroschen das auch klingen mag -für die freie Welt die Backen zusammengekniffen. Noch heute (51) komme ich kaum darüber hinweg, wie uns damals ein Kerl namens Adenauer im Stich gelassen hat. Er war noch nicht mal zu einer Beistandsgeste fähig (hatte wohl selbst die Hosen voll oder wollte Berlin gern in die Lüneburger Heide verlegt sehen). Sehr geärgert hat mich auch, wie nach dem Fall der Mauer die Opferrolle der "Ossis" in den Medien breitgetreten wurde (und bis heute wird). An die Geisel-Rolle der 2 Mio West-Berliner (und daran, dass die Ossis daran nicht ganz unbeteiligt waren)erinnert sich niemand mehr. Meine Erlebnisse rund um den Mauerbau und danach habe ich gerade erst in einem ganz persönlichen Buch mit dem Titel "Antrag auf einen Berechtigungsschein" veröffentlicht.
Friedrich Van Weiden

8/12/2006 12:42:00 nachm.  
Anonymous Konrad said...

ZITAT
Seltsamerweise spricht man meist davon, dass die Leute in Ostberlin und der DDR eingesperrt waren. Tatsächlich war aber das "freie" Westberlin von der Mauer umgebenes Gebiet inmitten der DDR.
ZITATENDE

Dieser Satz ist richtig! ;) Aber das Wort "seltsamerweise" ist falsch. Der Sozialismus in der DDR ruinierte das Land und zwang die Menschen die Freiheit wollten zur Flucht. Dagegen wurde die Mauer gebaut. (vor dem Mauerbau gab es TÄGLICH bis zu 2000 Menschen die dem Sozialismus davonrannten) Und daher ist auch das Gefühl in West-Berlin (echte Westberliner haben NIEMALS Westberlin gesagt) sehr schwierig zu beschreiben. Man war frei und die anderen eingesperrt. WIR konnte zu DENEN, aber DIE nicht zu uns (daran hat man es am meisten gemerkt). Außerdem war Westberlin sehr groß (Grunewald, Wannsee, Berliner Forst, Tegeler See etc) so daß man nicht mit der Mauer konfrontiert war. Man konnte in "West-Berlin" ein ganzes Leben verbringen ohne mit dem Osten in Berührung zu kommen (haben viele echte West-Berliner so gemacht, eine Menge waren ganz selten oder nie im Sozialismus zu besuch).

Und was am Osten auffiel: Alles war GRAU wenn man aus dem Westen in den Osten kam. ALLES. Wie beim Fernsehen wenn man die Farbe wegdreht.
Auch die Menschen waren grau, hatten OFT sehr schlechte Zähne. Es STANK nach ZWEITAKTAUSPUFFGAS und Kohlenheizung und Chemie.

Da gäb es noch viel zu erzählen...

10/15/2007 10:41:00 vorm.  
Blogger sarah said...

Danke, das sind spannende, offenbar auch stark persönlich gefärbte Geschichten!

10/15/2007 10:50:00 vorm.  

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