Sonntag, Juni 25, 2006

Jenseits der Geschlechter

Am Wochenende fand der Kreuzberger Christopher Street Day (CSD) statt, ein riesiges Strassenfest mit Umzug, das sich gegen das „Schubladendenken“ im Bereich Geschlecht und Sexualität wehrt. Die deutsche Hauptstadt ist wie viele Grossstädte ein Sammelbecken für Menschen, welchen in ihren Heimatdörfern und –städten gesellschaftliche Anerkennung abgesprochen wird, weil sie nicht eindeutig Mann oder Frau sind, weil sie traditionellen Geschlechterrollen nicht entsprechen, weil sie das „andere Geschlecht“ nicht – oder nicht nur – lieben und begehren.

Berlin ist zurzeit eine Hochburg der „geschlechtlichen Veruneindeutigung“: Es blüht eine vielfältige Subkultur, wo aufgeklebtes Barthaar und glitzernde Ohrringe keine ungewöhnliche Kombination sind. Ein Sinnbild dafür ist das Verschmelzen der populären Bildikonen von Che Guevara und Marilyn Monroe. „Cherilyn“ war am Strassenfest auf T-Shirts und Transparenten gut vertreten. Die Stimmung war hervorragend und ausgelassen, von viel Musik begleitet und es wurde schon während des Umzugs getanzt. Türkische Familien wurden beim Kottbusser Tor, ein Zentrum türkischen Lebens in Berlin, per Mikrofon aufgerufen, ihre Kinder so zu akzeptieren, wie sie sind. Zum Schluss gab es eine Kundgebung bei der Oranienstraße. Die Gilde der Verkleidungskünstlerinnen und –künstler bot ein farbenfrohes Spektakel.

Alles andere als einig ist man sich über Sinn und Zweck der Verwischung von Grenzen der Geschlechter und Sexualitäten. Während die einen darin eine Unterwanderung von Herrschaftsverhältnissen sehen, in welchen Männer und der Zwang zu Heterosexualität und Monogamie dominieren, meinen andere, dass gerade durch die Verwischung der politischen Aktion die Grundlage entzogen werde. Wenn nämlich nicht mehr klar sei, was eine Frau sei, dann könne gar nicht mehr für die Rechte von Frauen gekämpft werden.

Persönlich habe ich den Eindruck, dass aneinander vorbei geredet wird, dass zum Teil viel Energie geradezu verschwendet wird, vermeintlich feindliche Lager zu bekämpfen. Die künstlerische Verwischung von Geschlechtergrenzen ist jedenfalls oft ein Leckerbissen fürs Auge. Tatsächlich lässt sich damit aber nicht vermeiden, dass wir aus praktischen Gründen der Kommunikation darauf angewiesen sind, mit Sprache Dinge und Menschen zu benennen. Sprachliche Begriffe bringen es mit sich, dass sie von anderen Begriffen abgegrenzt werden wollen. Und auch auf politischer Ebene sind eindeutige Bezeichnungen notwendig. Das macht aber wiederum keinen Versuch überflüssig, aufzuzeigen, dass was „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ sei, in den allermeisten Fällen kulturell zugewiesene und nicht gottgegebene Merkmale sind – und sei es mit Perücken, Krawatten, aufgeklebten Schnurrbärten und Glitzer.

2 Comments:

Anonymous Ralf said...

Hi Sarah, ich finds auch spannend, den Wechsel zwischen Verwischung und Abgrenzung von Geschlechterrollen zu beobachten und hab einen ähnlichen Eindruck. Die glitzernd-bärtigen neuen Gender-Freiheiten verändern diese Rollen wohl mittelfristig – die gewisse Exotik macht es oft anfangs schwer, das traditionelle Frauen- oder Männerbild unmittelbar zu beeinflussen. Ich mag die Leichtigkeit und Ironie, die viele Menschen in Bezug auf sich selbst zeigen, wie z. B. auf dem CSD.

6/27/2006 02:52:00 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Schade, dass deine Beschreibung den trangenialen csd zu einem "Strassenfest" reduziert, hatte dieser doch den Anspruch, eine politische Verantstaltung, nämlich eine Demo zu sein. Sicherlich konnte ein aufmerksamer Beobachter viele Unein-deutigkeiten entdecken an den Teilnehmer, z.T. gezielt verkleidet oder transgender. Natürlich werden auf politischer Ebene Kategorien gebraucht; aber, wozu muß man das Geschlecht festlegen? Sollte das nicht auf zwischenmenschlicher Ebene geklärt werden, genauso wie die Frage, ob man lieber geduzt oder gesiezt werden möchte?

Darüberhinaus behaupte ich gern, dass zahlreiche Transparente, Fahnen, Sticker sowie Redebeiträge und künstlerische Einlagen erlauben, die Veranstaltung als eine Demo zu bezeichnen. Ich habe daran teilgenommen (wie auch du?) und für mich war es eine Demo.

Was die Verwischung der Geschlechterbilder betrifft, die du ansprichst, so empfinde ich die als große Erleichterung, weil sie die Freiheit; oder zumindest eine Ahnung davon, welche Freiheit da wohl noch kommen mag; illustriert, die damit verbunden ist. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die Erwartungshaltung, die mit der Zuordnung zu einem Geschlecht verbunden ist, empfinde ich nämlich als Belastung.

7/02/2006 05:21:00 nachm.  

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