Montag, Juli 03, 2006

Audienz beim abwesenden Bundespräsidenten

Mit der „Abteilung Internationales Humboldt-Universität zu Berlin“ erhielten wir letzten Mittwoch Zutritt zum Bundespräsidialamt und dem dazugehörigen Schloss Bellevue. Während Frau Bundeskanzlerin Merkel sich ja grosser Aufmerksamkeit und sogar Beliebtheit bei türkischen Imbissbuden (siehe weiter unten) erfreut, ist der deutsche Bundespräsident praktisch unbekannt und vergleichsweise machtlos. Sein Name ist übrigens Horst Köhler – für jene, die den Namen tatsächlich noch nie gehört haben sollten. Als er für das Amt nominiert wurde, titelte die auflagenstarke BILD-Zeitung (der Schweizer „Blick“ ist dagegen eine Qualitätszeitung): „Horst Wer???“.


Modell des neuen Bundespräsidialamts und Repräsentationshaus Schloss Bellevue

Bundespräsident Köhler – der bei unserer Besichtigung gerade auf polnischem Staatsbesuch war – waltet und schaltet in einem brandneuen ovalen Gebäude. Angeblich hat das verantwortliche Architekturbüro sogar darauf geachtet, dass der Bau von oben gut aussieht, wenn der Präsident und die internationale Politprominenz mit dem Helikopter (im lokalen Dialekt heisst das fliegende Ding übrigens Hubschrauber) im Anflug sind.




Der ovale Neubau des Bundespräsidialamtes gefiel mir besonders von innen, während ich von der Innenausstattung im Schloss Bellevue teilweise eher irritiert war. Im Schloss Bellevue empfängt der Bundespräsident Angehörige des internationalen politischen Parkett. Wir wurden ausführlich darüber unterrichtet, dass nur andere Staatsoberhäupter das Schloss über einen roten Teppich betreten dürfen. Diplomaten und Aussenministerinnen erwartet ein weniger zeremonieller Empfang. Die First Ladies und First Gentlemen dürfen sich dann in Nebenräumen auch miteinander unterhalten.


Die Räumlichkeiten sind sehr unterschiedlich und widerspiegeln verschiedene Epochen. So kommt ein Schlossrundgang einer verwirrenden Zeitreise gleich. So bemerkte ich, dass ich ein Faible für Repräsentativräume im Stil der 50er Jahre habe. Gleich neben dem 50er-Jahre-Raum befindet sich ein Ballsaal, der eher klassizistisch gestaltet ist (mit Säulen und Statuen im Stil der Antike) und noch einen Raum weiter ist ein grosser Saal mit grossflächigen modernen Farbbildern in gelb und violett, die für meinen Geschmack weder zum Holzboden noch zum überwiegend hellblauen Teppich passten. Immerhin war ich überaus fasziniert von der Vielfalt von Kronleuchtern, für die ich bisher kaum etwas übrig hatte.




Falls Frau Merkel dem Bundeshaus Bern mal einen Besuch abstatten sollte, schlage ich vor, dass wir für Horst Köhler am Zürcher Bellevue einen roten Teppich ausrollen, damit der arme Präsident auch etwas Aufmerksamkeit kriegt und etwas aus dem Schatten der Kanzlerin heraustreten kann. Zudem würde er dann sehen, dass das Bellevue in Zürich seinem Namen tatsächlich gerecht wird und eine schöne Aussicht auf den Zürichsee bietet, während sein Schloss Bellevue in Beriln ausser den Bäumen im Tiergarten seinem Namen keineswegs alle Ehre macht.

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