Mittwoch, Juli 26, 2006

Berlin-Hype



Als ich kürzlich beim Inhaber des türkischen Zeitungsladens in meinem Haus die "Süddeutsche" kaufte, meinte er, dass ich ja schon sehr viel Besuch hätte. Denn wenn er nämlich nicht im Laden ist, sitzt er davor, beobachtet das Geschehen und sieht, wer ein und aus geht. Berlin sei eben momentan die Stadt der Städte. Hier geschieht es und deshalb wollen alle dahin, erklärte er mir weiter.
Die ununterbrochenen Besucherströme, die von Zürich aus und vielen anderen Orten der Welt nach Berlin pilgern, lassen tatsächlich auf einen richtiggehenden Berlin-Hype schliessen.

Wer mich vor meinem Berlin-Aufenthalt in Zürich nach meinen Plänen fragte, bekam meist zu hören, dass ich mich zwar freue, nach Berlin zu fahren, mir aber die Tatsache, dass dies momentan alle machen, schon ziemlich auf dem Magen lag. Ich musste auch immer explizit betonen, dass die Familie meiner Grossmutter väterlicherseits Ur-Berliner sind und ich deshalb auch noch die Herkunft eines Teils meiner Familie ergründen wolle. Weit weg wollte ich damit den Verdacht weisen, ich sei eine dieser Berlin-Reisenden aus Trendgründen.
Unzählige Schweizerinnen und Schweizer sind in Berlin. Die bekannteste Zürcher Studentin Michèle Roten vom Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers, die zurzeit ebenfalls ein Jahr in Berlin weilt, hatte just an meinem Abreisewochenende die Titelgeschichte des Magazins geschrieben:
So cool. Was junge Schweizer an Berlin finden.
Die schmunzelnden Kommentare vor meiner Abreise blieben natürlich nicht aus. Und das Timing war ja perfekt.
Kaum war ich in meiner Wohnung in Berlin rudimentär eingerichtet, las ich im Magazin der Berliner Zeitung:
Unsere heimliche Hauptstadt
Ein bisschen hässlich ist manchmal ganz schön. Warum viele Schweizer Berlin in ihr Herz geschlossen haben.
Wieder signiert mit Michèle Roten. Ich fand heraus, dass es sich um den gleichen Text handelte wie im Magazin des Tages-Anzeigers ungefähr zwei Wochen davor. Ich schrieb ihr in einer/einem E-Mail, dass sie mich etwas verfolge.

Inzwischen kann ich kaum mehr zählen, wie viele Schweizerinnen und Schweizer sich in Berlin aufhalten, die ich schon vor meinem Aufenthalt kannte, in diesen Monaten getroffen habe oder von denen ich gehört habe, dass sie auch hier sind oder hier waren. Im Tobistar-Blog beklagte sich ein Student, er sei wohl der einzige an der ganzen Uni Zürich, der noch nicht in Berlin war oder hinzugehen gedenkt. Und er macht sogar einen witzigen Logo-Vorschlag für die Berliner Zweigniederlassung der Universität Zürich:



Ziemlich erstaunt war ich, als ich neulich im Berliner "Tagesspiegel" las:
Wenig beliebt scheint die Spree bei den Schweizern zu sein, die mit 307 Fortzügen den Spitzenplatz belegen. Damit folgt der Alpenstaat dem Trend der vergangenen Jahre.
Berlin ist gemäss dem "Tagesspiegel"-Artikel vor allem für Polen und Franzosen attraktiv. Die türkische Gemeinde in Berlin wachse im Übrigen längst nicht mehr so stark wie die polnische.

Entweder habe ich eine verzerrrte Wahrnehmung, was die scheinbar ungebrochene Anziehung der deutschen Hauptstadt für junge Schweizerinnen und Schweizer betrifft. Oder die Berliner Wanderungsstatistik wurde im "Tagesspiegel" falsch interpretiert. Nämlich dass zwar viele wieder gehen, aber auch ganz viele kommen. Und viele sich nicht offiziell anmelden. Sondern regelmässig mit AirBerlin hin- und zurückjetten.
Oder es wohnten noch viel mehr Schweizer Landsleute in Berlin als ich bisher angenommen hatte, und die jetzt teilweise wieder wegziehen. Schweizer Landsleute werden Berlin auf jeden Fall nicht völlig abhanden kommen. Da bin ich mir ganz sicher.

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