Mittwoch, September 06, 2006

"Linie 1" - d a s Berliner Musical

Die einen bezweifeln ja, dass das Musical überhaupt eine ernst zu nehmende Kulturform sei, während andere regelrechte Musical-Freaks sind und andere Musikstile gar nicht wahrnehmen. Meine Haltung zu Musicals hat sich nach frühjugendlicher "Hair"-Euphorie inzwischen neutralisiert: ich sehe sie als legitime populäre Unterhaltungsform.

"Linie 1" ist das Berliner Musical schlechthin, das ich mir gestern zusammen mit Musikwissenschaftlerin Beate im GRIPS-Theater angesehen habe.

Die Geschichte dreht sich um die Berliner U-Bahnlinie 1 im Jahre 1986. Die Strecke der U1 versinnbildlicht die gegensätzlichsten Stadtteile Westberlins: Ein Stück über die U1 Mitte der 1980er ist somit auch eine Geschichte über Westberlin der damaligen Zeit. Vor der Wende war der U-Bahnhof "Schlesisches Tor", wo ich zurzeit wohne, Endstation vor der Mauer und gehörte zu den dunkelsten und verruchtesten Winkeln West-Berlins. [Heute erklären Stadtmagazine, wie neulich der Tip, die Gegend um das Schlesische Tor zur neuen aufregendsten Ausgehmeile der Stadt, was auch immer man von solchen Trendsetter-Berichten halten mag.] Im Musical erlebt eine junge Ausreisserin aus der westdeutschen Provinz zwischen dem Bahnhof Zoo und dem Schlesischen Tor allerhand Abenteuer. Während sie nach ihrem Märchenprinzen sucht, einem West-Berliner Rockmusiker, trifft sie auf der Strecke der U1 neben schrägen Vögeln, kaputten Typen und Tussis auch nazifreundliche Witwen, die am Wittenbergplatz aussteigen, um im KaDeWe den luxuriösen Shopping-Genüssen zu frönen.
Mit eingängigen Songs und schlagfertigen Dialogen werden einem Klischeebilder des grossbürgerlichen Stadtteils Wilmersdorf und dem rohen Kreuzberg präsentiert. Berliner Slang ist dicht gestreut (kleine Kostproben: "Mein Olle' hat mir jerade rausjeschmiss'n.", "Det weees ick ooch nicht.", "Meenste, ick find det juut?"). Die Liedzeile über Westberlin, wo in alle Richtungen nur Osten ist, und es sich somit um eine Sonnenaufgangsstadt handelt, hat mir gefallen, ich habe mich aber auch sonst erstaunlich gut amüsiert. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind in verschiedene Rollen geschlüpft, und überzeugten sowohl als kaputte Drogenabhängige wie auch als pelztragende rassistische Wilmersdorfer Witwen. Das junge Publikum klatschte und johlte auch zwischendurch immer mal wieder, nach dem übertrieben kitschigen Ende aber besonders.

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