Dienstag, Oktober 31, 2006

Müll & unvirtueller Spam

In Berlin-Kreuzberg schreckte ich oft auf, weil es bei mir fast täglich unerwartet klingelte. Meistens war es wohl jemand von der Müllentsorgung, der oder die sich Zutritt zum Innenhof verschaffen musste.
In Zürich funktioniert die Entsorgung grundsätzlich anders. Sie nennt sich erstens Abfall- und nicht Müllentsorgung, und zweitens ist sie auch nicht - wie in Berlin - in den Nebenkosten der Miete inbegriffen. Gebührenpflichtige Züri-Säcke kauft man in der Limmatstadt im Supermarkt und stellt diese gemäss einem Entsorgungskalender, der nach einem Quartier-Rotationssystem funktioniert (Quartier=Kiez), an die Strasse, oder wirft sie - wenn vorhanden - in einen Container. Glasflaschen (nach braunen, grünen und weissen getrennt), PET-Flaschen und Aluminium müssen in dunkelblaue Sammelcontainer gebracht werden, die sich nicht unbedingt in unmittelbarer Nähe des Hauses befinden. Die Entsorgung im Innenhof fand ich ungleich praktischer. Das Klingeln an der Haustüre war allerdings oft störend.

In Zürich ist es eher ungewöhnlich, dass jemand zu Hause klingelt, und wenn das doch vorkommen sollte, ist es fast immer angemeldeter Besuch, auf den man sich freut. Erst gestern klingelte es gegen Mittag. Eine sympathische Frau begann sogleich, mir irgendetwas von Jubiläum von irgendeiner Firma und Würze zu erzählen. Ich fragte unverhohlen, ob sie mir etwas aufschwatzen wolle. Nein, natürlich wolle sie niemandem etwas aufschwatzen. Ich brachte es nicht über das Herz, einfach wieder die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Sie drückte mir einen Stapel "Informations"blätter in die Hand und ein Müsterli mit "Vegetabiler Streuwürze". "Können Sie auch im Internet bestellen, oder ich komme einfach wieder vorbei. Sie haben doch Internet, oder?" - "Äh, jaja, danke und schönen Tag noch." Als ich die Tür wieder hinter mir ins Schloss fallen liess, dachte ich mir, dass das persönliche Vorbeikommen an der Haustür ja schon fast etwas Anachronistisches hat. Jedenfalls im Zeitalter von Spam-Mails, "relevanten Textanzeigen" (Google-AdWords und -AdSense) und personalized advertisement. Jemanden an der Haustüre abzuwimmeln, ist zur Abwechslung ganz nett, wenn man sich sonst schon täglich damit herumschlägt, Spam-Mails den virtuellen Garaus zu machen. In Berlin im digitalen Mülleimer, in Zürich im virtuellen Abfallkorb.

Foto Züri-Sack von hier

2 Comments:

Anonymous N said...

Wenn es an meiner Berliner Tür klingelt, ist es viel viel öfter die Müllanfuhr als die Müllabfuhr: Ein Niedriglohnjobber ersucht die Betätigung des Türöffners, um grosse Mengen an Papier-Spam in die Briefkästen im Hausflur zu verteilen. Nach 24 Stunden sind alle Kästen so überfüllt, dass reguläre Post nur noch unter Zerknüllung hinein passt. Besonderer Trick: Supermarkt-Spam wird in Plastikfolie eingeschweisst, damit man sie nur mit bohrendem schlechten Gewissen in die im Hausflur bereitgestellte Altpapiertonne wirft und Mülltrennung Mülltrennung sein lässt.

11/01/2006 11:30:00 vorm.  
Anonymous Karin said...

Zwei Kommentare – einen zum greifbaren Abfall der unbegreiflich rückständigen Entsorgung von Zürich und einen zu den ungreifbaren und vor allem ungewollten Eindringlingen.

Dass ich hier in Zürich nicht wie in Berlin in den Hausschuhen und im Pyjama mich meiner Flaschen und Dosen im Innenhof entledigen kann, sondern die Sammelstelle meines Quartiers aufsuchen muss, stört mich nicht besonders. Schlimmer und nach meinem Wissen unbegründbar erachte ich die Tatsache, dass es hier weder eine Auffangstation für den grünen Punkt noch für organischen Haushaltmüll gibt. So ist der Divers-Kübel in den meisten Berliner Haushalten der kleinste, weil ihm, nachdem er sich vom Glas, PET, Metall, Kompost und jeglichen Verpackungen trennen musste, kaum noch was übrig bleibt. Für den grossen Rest wird in Zürich teuer bezahlt, während in Berlin der kleine Rest umsonst davongetragen wird. Ich wäre froh um eine Erklärung, warum die auch bei uns omnipräsenten grünen Punkte heimatlos bleiben müssen, wenn es nicht nur Deutschland, sondern etliche andere Industrie-Länder schaffen, sich diesen Produktehüllen auf eine für die Umwelt saubere Art anzunehmen.
Das Stichwort Heimat leitet dann auch über zur Gastfreundschaft und meinem zweiten Kommentar.

Jaques Derrida argumentiert in seinem Buch „On Hospitality“, dass das Spam-Zeitalter unumgänglich zu Fremdenfeindlichkeit führt. Unerwünschte Eindringlinge bewirken immer dickere und undurchlässigere Filter und scheinen, wie er behauptet, auf die menschliche Natur im Allgemeinen abzufärben. Ob seine gewagte These zutrifft, wird gegenwärtig geprüft. Sehr gut vorstellen kann ich mir jedoch, dass ich abweisender, distanzierter, skeptischer, verschlossener werde, wenn ich durch die zunehmende asymetrische Kommunikation wie Spam und Aussenwerbung – um nur zwei der von Sarah erwähnten Arten zu nennen – dazu gezwungen bin, mich in einem Filter-Modus in der Welt zu bewegen. Bedauerlicherweise muss ein Filter, um seinem Wesen gerecht zu werden und effektiv zu wirken, sich auf alles beziehen. So bleibt das fremde Andere vielleicht für immer ein solches, weil wir entweder durch unsere dank des Filters gewonnene Immunität den anderen nicht mehr sehen oder wir in unserer verinnerlichten Abwehrhaltung die Andere überhaupt nicht erst einmal kennen lernen wollen. Die Ruhe hinter der schützenden Mauer ist eine illusionäre, weil ein Filter das Problem von Überflutungen nicht nachhaltig lösen und schon gar nicht an der Wurzel ergreifen kann. Zudem kann in diesem von allem „Bösen“ gereinigten und daher ev. paradiesisch anmutenden Garten auch keine aktive Teilnahme am Leben stattfinden. Eine echte Konfrontation mit dem Unerwünschten ist somit nicht mehr möglich, und wenn es dumm läuft, filtert der Filter wegen seines immanenten Unvermögens auch die Freuden des Lebens heraus. Fast wie im Garten Eden. Ein Kommunikationsvakuum, das man sich unter dem Aspekt einer weltlichen Lebendigkeit und Anteilnahme vielleicht gar nicht wünschen kann.

11/26/2006 03:18:00 nachm.  

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