Mittwoch, November 15, 2006

Poetische Berliner WC-Lektüre

Menschen, die sich auf dem stillen Örtchen Lektüre halten, habe ich früher grundsätzlich beargwöhnt. Seit zwei, drei Jahren habe allerdings auch ich manchmal Geschriebenes zur Inspiration während der Bedürfnisverrichtung bereitgelegt. Zurzeit liegt in meiem Zürcher Badezimmer neben den Papierrollen, Rasierklingen und Bodylotions ein kleines Buch mit Berlin-Poesie.

100 Mal wird darin Berlin besungen und verflucht. Günter Grass dichtet über das Gleisdreieck, Joachim Ringelnatz über das "Leben in Pelzen und Leder" am Kurfürstendamm und am Zoo. Besonders amüsiert hat mich Sarah Kirschs zwiespältige Beziehung zum Fernsehturm. Von Zeit zu Zeit sieht sie ihn gern, den "Turm mit der silbernen Kugel", doch an jenem Abend, als die "zivilen Herren und Steckbriefträger" vor ihrer Tür standen, hätte sie "dieses Potenzminarett gern in den Himmel gesprengt".

Im Nachwort wird Wilhelm Hauenstein zitiert, der 1932 notierte, was noch heute gültig scheint: "In Berlin, über Berlin, unter Berlin wirkt eine verhängnisvolle Kraft, die alles immer wieder zu annulieren vermag."

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