Sonntag, Mai 13, 2007

Krawalle am 1. Mai: Ein Züri-Berlin – Privileg

«Gesellschaftliche Geschwüre», wie sie die Zürcher Stadträtin Esther Maurer in einem Interview bezeichnet, in Form von 1. Mai-Ausschreitungen, sind eine exklusive Züri-Berlin-Verbindung, wenn man dem Tages-Anzeiger-Interview Glauben schenkt.

Seit den Ursprüngen meiner Zürcher Kindheit, gehört für mich zum 1. Mai die Nachdemonstration des "Schwarzen Blockes", auch wenn ich das nie direkt zu sehen bekam.
Dass auch in Berlin jeweils an diesem Tag Unzimperlichkeiten geschehen, überraschte mich deshalb vor einem Jahr ganz und gar nicht. Nachdem ich mich in Berlin-Kreuzberg ans Strassenfest begeben hatte, konnten meine besorgten Verwandten aus dem tiefen Westberlin fast nicht glauben, dass ich dies überlebt haben sollte. Sie hatten mich beschworen, meine Kreuzberger Wohnung am unseligen 1. Mai nicht zu verlassen. Viel zu gefährlich. Es war schlussendlich ein wunderschönes Fest rund um den Mariannenplatz und die Oranienstrasse. Als später doch noch Mülltonnen brannten, waren wir längst weg, die Mägen voll von Köstlichkeiten.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es in anderen europäischen Städten keine 1. Mai-Krawalle geben soll und dass es ein Privileg der lieben Achse Zürich – Berlin sein soll, mit «gesellschaftlichen Geschwüren» beglückt zu werden. «Geschwüre», die alljährlich dasselbe provokative Theater aufführen wollen, bei dem die Rollen immer gleich verteilt werden und bei dem am Ende alle zu Tränen(gas) gerührt sind, sodass sich niemand mit Forderungen zu verbesserten Arbeitsbedingungen auseinandersetzen muss.
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Rührend war im Übrigen auch der gestrige serbische Sieg am Eurovision Contest mit der Kitschballade «Molitva», für deren Tränendrüseneffekt ich mich in erstaunlicher Weise erwärmen kann. In Berlin dürfte man sich über das Abschneiden von Frauenregent Roger Cicero genauso in den Haaren liegen wie in Zürich über die vielleicht doch nicht ganz so lebendigen Vampire von DJ Bobo und die angebliche Ostblock-Verschwörung.

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