Samstag, August 05, 2006

Berliner Prof. studiert Doping-Skandale


Die Nachrichten über gedopte Radrennfahrer überschlagen sich mal wieder. Während neulich in Deutschland das Schicksal von Jan Ullrich zur Debatte stand, ist der Fall Floyd Landis, Captain des Schweizer Phonak-Teams, gerade brandaktuell.

Im Bericht über die Fussball-Tagung am kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt Universität habe ich grosszügig die akademische Eitelkeit kritisiert. Jetzt soll hier doch mal noch zur Sprache kommen, dass an den übermässig mit Fremdwörtern und Anspielungen bestückten Ausführungen von Prof. Hartmut Böhme durchaus viel Einleuchtendes dran sein kann.

In einem Artikel in der „ZEIT“ beschrieb der Professor für Kulturwissenschaft in Berlin neulich die gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe des Dopings am Beispiel von Jan Ullrich. Während sich die meisten Medien damit begnügen, jeden neuen Doping-Skandal mit dem gleichen Aufschrei zu vermelden, als wäre es der erste, bin ich als Nachrichtenkonsumentin inzwischen so abgestumpft, als hätte ich vom Rad-Spitzensport nichts anderes erwartet. Ich nehme – wie wohl viele andere auch – einen Skandal nach dem anderen zunehmend gelassener zur Kenntnis.
Böhmes Analyse mag etwas kulturpessimistisch klingen, aber aus meiner Sicht schreibt er, was in Doping-Nachrichten meist keinen Platz hat: Nämlich dass das Phänomen Doping in einer auf Leistung, Stars und Geld orientierten Gesellschaft im Grunde nicht überraschend ist.

Auszug aus Hartmut Böhmes Artikel (DIE ZEIT, 20.07.2006):
Es gibt einen fatalen Zusammenhang zwischen Spitzensportlern à la Ullrich und all den dopenden Hänschen um die Ecke, die allein in die weite Welt wollen, vor der sie doch Angst haben: Der Sport ist das medizinische, informatische, psycho-mentale und kybernetisch-mechanische Großlabor, in dem nicht nur die optimierten Körper unserer Sportidole fabriziert werden, sondern auch die Strategien eines alltagstauglichen Optimierungswettbewerbs, der seine Stützpunkte in all den Fitness-Studios, psychophysischen Trainingsprogrammen und leider auch Arztpraxen hat, die an den getriebenen Leistungsträgern unserer Gesellschaft verdienen wollen. Darum ist der Fall Ullrich zwar auch der Sturz eines Idols, der Crash eines Millionenunternehmens, die Beschädigung einer Sportart; er ist aber vor allem unser eigener Fall.
Bild J. Ullrich: Hansjörg Furrer, Bild H. Böhme: Website culture.hu-berlin.de

1 Comments:

Anonymous Anonym said...

Das Thema "Doping" hat weniger mit Sport und angeblich leistungsgetriebenen Individuen zu tun. Doping ist in meinen Augen lediglich eine "sportliche" Erscheinungsform einer allgemeinen Amoralität, in der Lug und Trug um jeden Preis, Abzocke und Ellenbogen an allen "Fronten" oberste Handlungsmaxime sind.

8/06/2006 06:05:00 nachm.  

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