Samstag, September 02, 2006

"Hochdeutsch" im Blog-Dialog

Mein Beitrag zu schweizerischem Hochdeutsch in Deutschland wurde kürzlich auf der Blogwiese ausführlich besprochen. Inzwischen hat sich in 35 Kommentaren zum Blogwiese-Beitrag eine interessante Diskussion entwickelt. Sie zeigt deutlich, wie sehr es sich bei sprachlichen Feinheiten um ein emotionales Thema handelt, das zudem stark mit Identität verknüpft ist.
Manche vermuten, man verleugne die Identität als Schweizerin, wenn man sich im Ausland sprachlich zu stark anpasst (ob es zwischen der "Fremdsprache" Hochdeutsch und z.B. Englisch einen Unterschied gibt, sei dahingestellt). Völlig akzentfrei - wie in gewissen Kommentaren beschrieben - wird aus meiner Sicht ohnehin nie sprechen, wer nicht die eigene Muttersprache spricht. Und auch bei nahezu akzentfreien Sprecherinnen und Sprechern, drückt irgendwann anhand bestimmter Satzkonstruktionen oder Ausdrücke die Muttersprache durch. Auch wenn ich mich ja um eine gewisse sprachliche Angepasstheit bemühe, rufe ich z.B. in Schreckensmomenten noch immer laut das in der Schweiz übliche "Achtung!", obwohl ich weiss, dass man hier eher zur "Vorsicht!" ermahnt.

Heftig diskutiert wurde auch die scheinbare "Arroganz" der Deutschen. Die Wahrnehmnung als "arrogant" beruht natürlich hauptsächlich auf dem Schweizer Hochdeutsch- und Minderwertigkeitskomplex und den direkteren deutschen Umgangsformen. Diese sind vielleicht nicht immer ganz so charmant, aber immerhin oft etwas weniger umständlich als in der Schweiz: "Es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie bitte unter Umständen das Fenster öffnen könnten, falls es Ihnen nichts ausmachen würde." (="Mach mal das Fenster auf!")

An einer in der Deutschschweiz oft diskutierten Frage scheiden sich auch in dieser Diskussion die Geister: "Sollen Deutsche in der Schweiz Schweizerdeutsch sprechen?" Ein Kommentar gibt Deutschen folgenden Tipp: "Sprecht Schweizerdeutsch erst dann, wenn ihr es auch beherrscht. Dann wirds akzeptiert." Zu Recht wehrt sich jemand und fragt, wie denn Deutsche Schweizerdeutsch lernen sollen, wenn sie es nie sprechen dürfen. Eine solche Haltung zeugt eindeutig von einer schweizerischen Arroganz.

"Wie käme das eigentlich in der Schweiz an, wenn jemand mit einem Mannheimer Dialekt statt Hochdeutsch sprechen würde?", fragt sich ein weiterer Kommentator. "Und warum sprechen viel mehr Deutsche als Schweizer Dialekt und Hochdeutsch?" Fraglos gute Fragen.

Schliesslich schreibt eine Bernerin: "Ich finde es u härzig (=sehr süß, Anm. d. Bloggerin) und bin geschmeichelt, wenn meine deutsche Kollegin ab und zu einen Satz uf Bärndütsch zu sagen versucht." Da hätten wir den Beweis, dass nicht bloss Schweizerdeutsch süss, niedlich oder eben "härzig" sein kann - oder eben doch?

1 Comments:

Anonymous Fabien said...

Ich finde, dass Deutsche in der Schweiz ungehemmt ihre eigenen Dialekte sprechen sollten, sofern sie welche beherrschen. Hier werden sie für einmal nicht von Städtern und Norddeutschen belächelt und verspottet, sondern kommen im Gegenteil sogar besser an - denke ich zumindest. Denn so werden den armen (Deutsch-)Schweizern die Minderwertigkeitskomplexe genommen... Kenne auch einen Arzt in Zürich, der mit seinen Patienten schwäbelet, soll besser funktionieren.

Eine weitere interessante Frage aus linguistischer Sicht wäre, ob Schweizer Mundart leichter erworben wird, wenn man zunächst den eigenen Dialekt spricht und dann häppchenweise umstellt... Meinem früheren Mitbewohner empfahl ich dies mal - aber er war wohl ein gebranntes Kind (in Deutschland scheinen Dialektsprecher gnadenlos verspottet zu werden) und brachte es nicht fertig. Nur mit seiner Grossmutter oder auch seiner restlichen Familie am Telefon brach das Schwäbische dann jeweils durch - eine verblüffende Verwandlung, nicht nur akustisch.

9/02/2006 11:31:00 nachm.  

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