Sonntag, September 24, 2006

Züri-Berlin zieht Bilanz

Am Anfang stand eine Spontanaktion. In zwei Minuten war Ende April "Synthesen" entstanden. Um ein paar Freundinnen und Freunden in der Schweiz kleine Einblicke in meine Berliner Monate zu ermöglichen. Und um nach Jahren der regelmässigen Lektüre von danah boyds Blog mal etwas nachzufühlen, was Bloggen bedeutet.
Ich schrieb in meinem ersten Eintrag von einem "Abenteur mit unerwartetem Ausgang". Mein Zutritt zur Blogosphäre war und ist durchaus ein Abenteuer. Ende Juli wurde aus Synthesen "Züri-Berlin" und mein Bewusstsein dafür, dass man sich mit einem Blog ja tatsächlich in einem öffentlich zugänglichen Internet bewegt, drang erst da allmählich in mein naives Gemüt. Das brachte grosse Freuden, unerwartete Vernetzungen, Web- und reale Bekanntschaften, aber auch schmerzliche Erkenntnisse:

  • Bloggen macht Spass, macht süchtig und verstärkt die egomanische Veranlagung, die zum Bloggen bereits vorhanden sein muss.
  • Der Inter-Blog-Austausch mit Gleich- und Andersgesinnten über Kommentare und Flickr ist sehr bereichernd, aber gelinde gesagt auch ziemlich zeitintensiv.
  • Ich weiss noch immer nicht, ob ich der oder das Blog sagen soll. Ich hatte mich mal für das Blog entschieden, lese aber immer wieder der Blog. Inzwischen sage und schreibe ich auch beides - je nach Lust und Laune. Männliche und sächliche Pronomen liegen ja im Deutschen so nah beieinander, dass das oft gar nicht auffällt.
  • Ich würde nicht wieder Blogger.com wählen, sondern Wordpress. Wegen Googles Allmachtsansprüchen und weil Blogger.com viel weniger Möglichkeiten bietet als die Open Source Software Wordpress.
  • Creative Commons-Lizenzen sind vielen Menschen auch im Publikationsgeschäft noch unbekannt. Scheinbar auch Redaktoren (=Redakteuren) des grössten Schweizer Medienkonzerns, die mir dafür noch eine Antwort schuldig sind
  • Ein für ein Schweizer Publikum gemachtes Blog, das öfter von deutschen Internetanschlüssen angeklickt wird, kommt früher oder später ins Deutsch-Dilemma: soll das ß verwendet werden, sollen Helvetismen systematisch durch Teutonismen ersetzt werden und wie weit darf die Anpassung gehen, damit man sich zwar für Deutsche verständlich machen kann, aber in der Schweiz nicht als zu angepasst verschrien ist?

Tipps aus eigener Blog-Erfahrung:
  • Mit dem Bloggen verhält es sich wie mit dem Rauchen: Wer nicht signifikant mehr Zeit vor dem Computer verbringen möchte, fange erst gar nicht mit diesem Laster an.
  • Wer dem Laster schon verfallen ist: Unbedingt mindestens einmal Model und Alice und Werbung erwähnen, dann wird das Blog ganz häufig gefunden und angeklickt, wenn man denn das wünschen sollte. Möglicherweise suchen dann die Menschen aber nicht nach Ihrem Blog, sondern nach dem Bild eines makellosen blonden halbnackten italienischen Supermodels, das Werbung für einen bestimmten deutschen Internet-Provider macht.
  • Michèle Roten zu erwähnen bringt ebenfalls signifikant mehr Klicks. Auch da suchen die meisten schlicht ein Bild der schlagfertigen Kolumnistin, wie auch schon in anderen Blogs wie diesem diskutiert wurde.

Eine witzige Zusammenstellung unterschiedlicher Blogger-Typen findet sich hier. Noch bin ich es ja wenige Tage: Exil-Bloggerin. Dann bin ich wohl noch eine Weile eine "Was ich vor meiner Abreise in Berlin eigentlich auch noch alles bloggen wollte, aber nicht mehr dazugekommen bin"-Bloggerin und vielleicht sogar eine "What it feels like to be back home in the little big city"-Bloggerin.

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