Donnerstag, Februar 01, 2007

Von Texten, Geld und Bäumen

Hätten Blog-Einträge einen Geruch, würde es jetzt ziemlich vergammelt riechen. Da es sich mit dem Verfalldatum von digitalisierten Buchstaben nicht wie mit jenem eines Schoko-Kokosnuss-Joghurts verhält, setze ich Ihnen Folgendes vor, auch wenn ich es von ganz weit unten aus der Entwurfs-Kiste hervorgekramt habe. Und falls es trotzdem übel riechen sollte: Halten Sie sich einfach die Nase zu und surfen Ihres Weges.

Texts Don't Grow on Trees

Es gilt in Zureich, in Arm, aber sexy-City und andernorts. Die brotlose Frage ist zeitlos: Wie lassen sich Kunst, Kreativität und Lebensunterhalt miteinander vereinbaren?

Die Werbebranche schafft zumindest der Kombination Kreativität & Lebensunterhalt Abhilfe. Wie sieht es aber aus mit Kreativität & Anspruch & Idealen, wenn man Text und Gestaltung von Geschäftsberichten von imperialistischen Getränkefirmen übernimmt, Innovatives für Firmen ersinnt, die auf dem chinesischen Automarkt expandieren wollen, das Corporate Design grosser Agrarfirmen modernisiert, die anderswo horrende Landwirtschaftssünden begehen, während wir in Westeuropa mit dem guten Geld aus der PR-Branche Bio-Produkte erwerben?

Bleibt noch die liebe Kunst. In Berlin fällt auf, dass sich da viele (zumindest auffällig mehr als in Zürich) tummeln, die es ernsthaft damit versuchen wollen. Von einigen wenigen hört man so einiges und nimmt an, sie könnten einigermassen von ihren Bands, Blogs und Büchern leben, von vielen anderen ist kaum etwas bekannt. Die potenzielle Brotlosigkeit wird im Allgemeinen durch niedrige Wohnkosten gelindert und das Naturgesetz des Netzwerkeffekts besagt, dass je mehr Kunstschaffende irgendwo schon sind, die Wahrscheinlichkeit auf noch mehr steigt. So geschehen in der deutschen Wieder-Hauptstadt.

brotlos? - Die Ausstellung
Eine Züri-Berlin-Erasmus- Mitstreiterin hatte sich vor vielen Monaten über meine absichtlich provokative These im frühen Eintrag Heimat für Querdenkende echauffiert: Dass vielleicht die ökonomisch weniger auf Rosen gebetteten Verhältnisse in Berlin zu blühenderer Kreativität führe als im wohlgenährten Zürich. Einen bissigen Blog-Kommentar hat sie bisher höflich verschwiegen, schlug aber stattdessen vor, dass wir uns in Zürich die Ausstellung brotlos? – Vom Schreiben und vom Geld ansehen. Die NZZ berichtete unter dem Titel Belles Lettres und hässliche Zahlen über die wirklich sehr empfehlenswerte, aber leider nun nicht mehr aktuelle Ausstellung (hier würde man den modrigen Duft besonders gut riechen). Noch immer zugänglich ist aber die Wegleitung zur Ausstellung und eine Zitatensammlung.

Meine Lieblingszitate:

  • When bankers get together they talk about art. When artists get together they talk about money. vom erhabenen Oscar Wilde
  • Geld allein macht nicht unglücklich. Curt Goetz
  • Je sais enfin ce qui distingue l'homme de la bête: ce sont les ennuis d'argent. Jules Renard
  • Die richtige Einstellung dem Geld gegenüber ist die einer begehrlichen Verachtung. Henry Miller
  • Vielleicht verdirbt Geld tatsächlich den Charakter. Auf keinen Fall aber macht ein Mangel an Geld ihn besser. John Steinbeck
  • Chi vive di penna vive di pena. Modo di dire

Podium in Zürich
Zurzeit läuft die Vernehmlassung zu einem schweizerischen Kulturförderungsgesetz. Eine der umstrittensten Ideen ist die Einrichtung einer Künstlersozialversicherung, mit der die oft prekäre materielle Situation freischaffender Künstlerinnen und Schriftsteller im Alter abgesichert werden soll. Eine Idee mit kulturpolitischem Zündstoff, wie die Podiumsdiskussion im Literaturhaus im Rahmen der brotlos?-Ausstellung im November (auch hier stinkt es) zeigte. Zum Thema Staatliche Sozialversicherung für freie Schriftsteller? diskutierten SP-Nationalrätin Vreni Müller-Hemmi, FDP-Nationalrätin Christa Markwalder Bär, Dr. Peter A. Schmid, Geschäftsleiter AdS und Prof. Dr. Monika Bütler, Ökonomieprofessorin Universität St. Gallen.

Die deutsche Künstlersozialkasse sei in ihren Augen gescheitert, liess Monika Bütler verlauten. Als Beweis brachte sie eine 4 Meter lange Papierrolle mit, auf der alle jene Berufsgattungen aufgelistet seien, die sich nun auch als Künstlerinnen und Künstler verstanden wissen möchten. Besonders die junge FDP-Nationalrätin Christa Markwalder zeigte kein Verständnis für staatlich sozialversichertes Kunstschaffen. Es entstand der Eindruck, dass sie selbst gerne Musikerin geworden wäre, aber sich dann doch den weniger brotlosen Rechtswissenschaften und schliesslich der Politik zugewandt hat. Ihr eigener Verzicht legitimiert wohl nicht die soziale Sicherheit jener, die sich in die selbstverschuldete Brotlosigkeit begeben haben. Eine Altersvorsorge wäre auch Ausdruck gesellschaftlicher Anerkennung, hiess es aus dem relativ kleinen, mittelalterlichen Publikum. Frau Markwalder konterte, dass es um die Anerkennung von Politikerinnen auch nicht besser stünde. Mit der finanziellen Anerkennung allerdings schon, dachte sich wohl das geneigte Publikum. Peter A. Schmid, Geschäftsleiter der AdS, versuchte immer wieder klar zu machen, dass es hauptsächlich darum ginge, staatlich geförderte Kunstschaffende nach Ablauf ihres Werkjahres keinen Schikanen vom RAV auszusetzen. Und wie so oft, redete man nur scheinbar vom selben.

Podium in Berlin
Auch in Berlin wurde versucht, den Kontakt zwischen Politik und Kulturschaffenden an einem Podium herzustellen. Die digitale Bohème hat vergangenen Sommer (hier stinkt es gar unerträglich nach gammligen News) eigenhändig zum Thema "Kulturpolitik und digitale Bohème – neue Formen der Kulturarbeit" eingeladen. Ein inzwischen abgewählter Kultursenator sass zwischen Spreeblick-Haeusler, Riesenmaschine-Lobo und ZIA-Friebe, Ex-Universal-Renner und Club-Schulz. Man wartete vergeblich auf Bachmann-Passig, während Haeusler klar machte, dass er in Sachen Kultur - im Gegensatz zu Friebe - nicht mehr auf die Politik hoffe. Lobo schlug ein gemeinsames A4-Papier mit den wichtigsten politisch relevanten Anliegen der Bohème vor. Prominenteste Forderung war ein kostenloses W-LAN für ganz Berlin, um damit "intelligentes Leben jenseits der Festanstellung" (das inzwischen bestsellende Buch wurde mehrfach angekündigt) zu vereinfachen.

Was übrig bleibt
Wer sich gar nicht verkaufen möchte (und sogar poetische Publireportagen verschmäht), bleibt brotlos, frönt dem Mäzenatentum oder hofft auf das gesicherte Existenzeinkommen. Eine engagierte Lobby arbeitet bereits hart an der Initiative Grundeinkommen. Denn glaubt man der Authors' Rights Awareness Campaign wachsen Texte und ähnliche Produkte offenbar genauso wenig auf Bäumen wie das liebe Geld.

6 Comments:

Anonymous Christian H. said...

Da sind wir in Züri-Berlin wieder einmal ganz aktuell:

2 Tage bevor die NZZ "Das Ende der Bohème" ankündigt, und bemerkt, dass das "Kokettieren mit dem Scheitern ... neben der Pflege des Dionysischen zur Inszenierung der Künstlerexistenz" gehöre, erfahren wir hier, dass die deutsche Künstlersozialkasse gescheitert sei (freilich auch nichts neues). Dies, quoth NZZ, weil die Mitgliederzahl von 40'000 auf 140'000 angestiegen ist. Auf Berlin entfallen deren 5000. Die Dunkelziffer (was klingt, als ob es sich bei Künstlern um Pädophile, HIV-Positive oder Raserinnen handelte) ist allerdings - wie so oft bei Dunkelziffern - wesentlich höher.

Mein Blick schweift auf die neuste Ausgabe des Strassenmagazins Surprise: "Berlin ist arm und sexy", ein Interview mit 2raumwohnung. Inga Humpe vom Pop-Duo wagt die Behauptung: "Es ist so, dass die wirtschaftliche Schuldensituation, in der Berlin steckt, auch sehr viel kreatives Potenzial freisetzt. Die Bewohner der Stadt stellen sich so dar wie sie sind."

Wenn ich schon nicht in Berlin wohnhaft bin - also eher geneigt, mich nicht so darzustellen wie ich bin -, dann könnte ich mir wenigstens einen Wohnsitz in Addis Abbeba, Nairobi oder Quito zutun, wo die Menschen noch viel kreativer und die Preise noch tiefer sein dürften.

2/04/2007 05:13:00 nachm.  
Blogger sarah said...

Oh, danke für den Hinweis auf den perfekt passenden NZZ-Artikel!
Wer fast nur noch Blogs statt Zeitung liest, ist irgendwie ziemlich sehr selektiv informiert, und fast müsste man dem Internet-Pessimisten Cass Sunstein recht geben, der in der zunehmenden Fragmentierung der Informationskanäle eine Bedrohung für die Demokratie sieht, weil die gemeinsame Grundlage immer mehr fehlt, wenn alle nur noch selektiv Informationen "konsumieren".

Das Ende der Bohème ist ein sehr lesenswerter Artikel, der zeigt, dass trotz prekärer finanzieller Aussichten der Boom für Kunstberufe noch immer ungebrochen ist. Und dass - obwohl der Blogeintrag schon Monate alt ist - die Frage nach der Kombination von Kunst und Geld gar nicht so veraltet ist wie befürchtet. Dass die NZZ sogar noch dieselbe Wilde'sche Redensart zitiert, wenn sie schon zwei Tage später zum selben Thema schreibt, ist irgendwie erstaunlich. Die alte Tante schreibt:

Modernes Künstlerproletariat in Berlin

Glanz und Elend liegen im Kunstbetrieb nah beieinander. Das zeigt sich derzeit nirgends mit solcher Deutlichkeit wie in Berlin. Etwa 5000 professionelle Künstler sind hier registriert - die Dunkelziffer ist noch weit höher. Nur wenige können vom eigenen Einkommen leben, die meisten sind auf zusätzliche Quellen angewiesen und arbeiten als Dozenten, Kellner oder Webdesigner. Doch das Kokettieren mit dem Scheitern gehört, neben der Pflege des Dionysischen, zur modernen Inszenierung der Künstlerexistenz.

Wenn in Addis Abeba der Latte Macchiato auch so gut schmeckt und man in Quito bis 17h frühstücken kann, wären das in der Tat würdige Orte, wohin man im globalen Auslagerungshype berlinische Kreativität outsourcen könnte. Man muss befürchten, dass dieses Blog bald nicht mehr Züri-Berlin, sondern Züri-Theheran heisst, da dieses - glaubt man dem ORF zur billigsten Stadt der Welt erkoren wurde. Glaubt man der Süddeutschen, wäre es allerdings Asuncion in Paraguay.

2/04/2007 09:52:00 nachm.  
Anonymous Christian H. said...

Das schönste Früchtebuffet, das ich je gesehen habe, war in Asuncion anlässlich einer Theaterpremiere mit Botschaftern und deutschen Exilkriminellen. Abgesehen davon läuft in Quito einfach mehr.

Übrigens ist bemerkenswert, wie viele Ex-Deutsche/Schweizer/Österreicher in Südamerika Politik betrieben haben: Stroessner und Schaerer (Paraguay), Kirchner (Argentinien), Frei und Schneider (Chile) und Geisel (Brasilien).

Die Liste liesse sich mit etwas Geduld wohl weiterführen.

2/04/2007 11:43:00 nachm.  
Blogger sarah said...

Kreativität und Kunst in noch billigere Städte als Berlin outsourcen ist ja doch noch etwas anderes als Politiker dahin auslagern und ihre Namen durch modifizierte Umlaute in die Länge zu ziehen. Politik und Kreativität würden sich in einer idealen Welt ja nicht unbedingt beissen. Aber ideal hiesse ja nicht ideal, wenn Realität entsprechend genannt werden könnte.

2/05/2007 11:45:00 vorm.  
Anonymous Christian H. said...

Dass Politik- und Kunstexport sich nicht ausschliessen, hat der seit 1945 populärste Offshore-Politiker Österreichs bewiesen. Womit wir mit Hollywood bei einem schönen Beispiel für eine ganz reale und ganz ideale Welt wären.

2/05/2007 03:31:00 nachm.  
Blogger sarah said...

Wenn die Gleichung Terminator = Kunst aufgeht, dann fühle ich mich nicht nur idealerweise, sondern auch realistischerweise gezwungen, sowohl der Clausius-Clapeyronschen Gleichung wie auch der Gleichung des Aequinoktikums abzuschwören. Und die kann ja nun wirklich niemand bezweifeln.

2/06/2007 11:01:00 vorm.  

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