Donnerstag, Oktober 05, 2006

Die ausgedehnte Reise Berlin-Züri

Dass Berlin eine besondere Stadt ist, wusste ich ja längst. Wie wenig repräsentativ die deutsche Hauptstadt aber für ihr Land ist, machte ich mir erst während der mehrtägigen Rückreise von Berlin nach Zürich über Weimar und Köln so richtig bewusst.
Nach sechs Monaten flacher Grossstadt und Kulturmetropole in Umbruchstimmung boten mir die deutschen Landen auf meinem ausgedehnten Schlenker in den Westen noch ein paar andere Einblicke in ihr Innerstes.

Nach Weimar hatte mich mein idealisierendes Bild der Goldenen Zwanziger in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik geführt und die Tatsache, dass Weimar 1999 Kulturhauptstadt Europas war. Verglichen mit Berlin entpuppte sich Weimar allerdings als Kulturstadt der anderen Sorte: Weimar verkörpert Klassik und Tradition, Berlin kultiviert Aufbruch und experimentelle Kreativität. Das ganze Städtchen kann man zudem in Kürze zu Fuss durchqueren, was nach 6 Monaten Berlin ein sagenhaftes Gefühl ist. Dennoch etwas Berlin-haft mutet hingegen die hinreissende Fotothek (Fachgeschäft für vergessene Privatfotografien) an, die auf dem Weg vom Bahnhof Weimar zum speziell gemütlichen Hostel Hababusch meinen Weg kreuzte. Ansonsten lastet gerade im literarischen Bereich mit Goethe und Schiller ein schweres Erbe auf der Stadt, an dem sich Lokalpatrioten in der Du-Zone (umringt von einer Bierdeckelgalerie) poetisch abarbeiten. Der Kulturbetrieb ACC und der Bauhaus-Spaziergang boten eine angenehme Atmosphäre inmitten von touristischen Heerscharen, die vom Wohnhaus Schillers in Goethes Wohnhaus strömen. Besonders aufgefallen sind mir in der Kleinstadt natürlich im Vergleich zum vielstöckigen Berlin die geradezu niedrig scheinenden Häuser und deren Grad an Herausgeputztheit. Obwohl auch Weimar zaghaft gestreut Streetart wie in Kreuzberg zu bieten hat, sind Weimarer Hausfassaden eher mit offiziellen literarischen Zitaten verschnörkelt.

In Köln schaffte ich bei goldenem Abendlicht nach diversen Verspätungen der DB und einem verpassten Anschlusszug gerade noch die gut 500 Treppenstufen des Kölner Doms und die Altstadt. Glücklicherweise erhielt ich noch das letzte Bett in der grossen Jugendherberge, die nahe dem Veranstaltungsort der grossen internationalen Fotomesse Photokina steht. Auch Köln hat mit Berlin wenig Gemeinsamkeiten (sieht man mal von der durch den Grossstadtcharakter gegebenen gesellschaftlichen Offenheit ab): Köln hat ein eindeutiges und zu Fuss touristisch fassbares Stadtzentrum und einen gut erschlossenen, längst etablierten Hauptbahnhof. Auf dem Kölner Rhein fahren gar Lastschiffe, während auf der Berliner Spree praktisch nur touristisch genutzte Schiffe Stadtrundfahrten bieten.

Was ich von Bonn bei der Durchfahrt erhaschen konnte, war nicht gerade das, was ich mir unter einer ehemaligen Hauptstadt vorgestellt hatte. Das könnte man bei Bern auf den ersten Blick hingegen auch denken.
Die wundersame Strecke zwischen Köln und Mainz wurde mir durch den grösseren Umweg gleich zweimal zuteil. Erstaunlich, wie sich dort viele hübsche kleine Städtchen an bewaldet-felsige Hügel schmiegen. Erstaunlich, überhaupt mal wieder grössere Wälder und Hügel zu sehen. Und niedrige, frei stehende Häuser. Wunderbare alte Schlösschen und Burgen blickten alle paar Minuten durch das Zugfenster in mein Abteil und winkten mir zu, wenn ich mich nicht getäuscht habe.
Fast im Handumdrehen erreichte ich schliesslich „Zürich HB“ im Land der originalen Schweiz. Das Land mit den insgesamt 67 Imitationsschweizen (die Sächsische Schweiz und die Märkische Schweiz sind nur zwei davon) liegt nun unverschiebbar nördlich von mir.

1 Comments:

Anonymous regular said...

Zum Thema Spannungsverhältnis Deutschland - Berlin dieser
Zeit-Artikel
"Berlin ist der Florida-Rolf unter den deutschen Bundesländern"

11/02/2006 02:04:00 nachm.  

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