Montag, November 13, 2006

Ausgestelltes Berlin & Züri

Nachgelieferter Beitrag # 3:

Was wäre ich bloss ohne Ausstellungen? Wohl etwas unterbeschäftigter und weniger ängstlich, immer gerade wieder eine gute davon zu verpassen. Es folgen ein paar Notizen zu bereits vergangenen und noch aktuellen Ausstellungen in Berlin und Zürich. In erster Linie zur persönlichen Erinnerung und zur (sinnlosen nachträglichen) Weiterempfehlung.

Im Berliner Frühling hatte ich mir noch wochenlang die Haare gerauft, dass ich "Melancholie, Genie und Wahnsinn in der Kunst" in der Neuen Nationalgalerie versäumt hatte.

Die 4. Kunstbiennale an der Auguststrasse in Berlin-Mitte hat mir gefallen. Ich hätte allerdings nur einen Bruchteil verstanden ohne die Erläuterungen einer befreundeten Kunststudentin aus Holland.

Über das eher kommerziell als historisch ausgerichtete DDR-Museum habe ich hier schon berichtet. Genauso interessant ist allerdings das virtuelle Museum zur Alltagskultur in der DDR. Dort wird im Übrigen noch ein Exemplar des Rasierapparats Autosuper Komet, der Zahnpasta Rosodont und des Brotrösters LAVA Sirat ST 2/1 gesucht, falls jemand zufällig im stolzen Besitze dieser Kultgegenstände sein sollte.

Eines der bekanntesten Exponate in Berlin befindet sich zurzeit im Alten Museum: Die wunderschöne altägyptische Nofretete. Über dem Eingang des Museums steht in roter Leuchtschrift: ALL ART HAS BEEN CONTEMPORARY. Ein wunderbares Argument, sich nicht immer nur für den letzen künstlerischen Schrei zu interessieren.

Die Ausstellung Topographie des Terrors habe ich mir mehrmals mit Schaudern angesehen. Man geht durch eine schlicht gehaltene Freiluftausstellung (eine pompösere Version derselben Ausstellung hatte der Schweizer Architekt Peter Zumthor Anfang 90er bereits halbwegs gebaut, welche nach einem Finanzdebakel allerdings wieder abgerissen wurde) und macht sich bewusst, dass die ausgestellten Grausamkeiten genau an diesem Ort ausgedacht worden sind: In jenen Gebäuden, die nun nicht mehr da stehen, weil sie im 2. Weltkrieg zerbomt und die Überreste gesprengt worden sind. Ein Niemandsland mitten in der Stadt. Wer möchte an einem solchen Ort schon Häuser oder etwas Fröhliches hinstellen angesichts der erdrückenden historischen Verbrechen, die mit diesem Gelände verbunden werden? Daneben steht auch noch ein längeres Stück Berliner Mauer. Diese ist inzwischen eingezäunt, als gäbe es Absurderes als eine Mauer einzuzäunen. Wenn Mauern so populär werden, dass sich mit Mauerstückchen Lebensunterhalte verdienen lassen, braucht gar die Mauer Schutz vor brachialer Souvenirbeschaffung.

Die Fotogalerie Lumas (die in Berlin am Hackeschen Markt und am Ku'damm Zweigstellen betreibt) überraschte mich mit ihrem Konzept, das in Kunstkreisen auf Kritik gestossen war: Durch grosse Auflagen schafft es Lumas, Fotokunst zu Schnäppchenpreisen anzubieten. Das unterwandert natürlich traditionelle Galerien, die für exklusive Einzelexemplare höhere Preise verlangen. Die meisten Bilder der Lumas-Kollektion sind sehr ästhetisch, sodass man sich diese gerne ins Wohnzimmer hängen möchte. Natürlich schreckt die Galerie vor politischen oder anderen heiklen Themen zurück und bietet schlicht Schönes für ein breites Publikum zu günstigen Preisen. Auch über das Internet zu bestellen und in der Schweiz lieferbar.

Eine der besten Ausstellungen, die ich in Berlin gesehen habe war Tokyo-Berlin in der Neuen Nationalgalerie. Ein kaum erreichbares Vorbild für eine irgendwann mögliche Züri-Berlin-Ausstellung.

Der stundenlange Besuch im Deutschen Historisches Museum "Unter den Linden" hat sich ebenfalls gelohnt. Die ziemlich neue permanente Ausstellung über die deutsche Geschichte ist ausführlich und sehr illustrativ. Bequeme Schuhe sind allerdings ein Muss, will man sich ohne unerträgliche Fussschmerzen auch nur einen groben Überblick verschaffen. Im Neubau des Deutschen Historischen Museum (übrigens von Pei, der auch den Pariser Louvre ausgebaut hat) wurden aus aktuellem Anlass eine hervorragende Ausstellung über WM-Fotografie unter dem Titel "Das Spiel" gezeigt.

C/O zeigte im September im alten Postfuhramt, einem der schönsten Gebäude in Berlin, eine Retrospektive über den Zürcher Fotografen Werner Bischof. Dieser wurde 1916 in Zürich geboren, hat weltweit feinfühlige und künstlerische Fotoreportagen gemacht, war bei der Fotoagentur "magnum" aktiv und starb bereits 1954 bei einem Autounfall in Peru. Besonders beeindruckend waren für mich die Bilder der Trümmerlandschaft in Berlin und in anderen deutschen Städten nach dem 2. Weltkrieg sowie wunderschöne Bilder aus den USA und Lateinamerika der 1950er.

Dieses Bild zeigt das Überbleibsel einer ironisch-witzigen Performance über Performance-Kunst von Wagner-Feigl an der Messe 2 über Antragskultur. Da ohne Blitz aufgenommen, ist das wirre Tomaten- und Nägelgemenge inmitten des pulverweissen Labyrinths leider nur schlecht erkennbar.
Die Messe selbst bestand aus diversen Installationen zum Thema ausufernde Antragskultur, die mir in Deutschland allerdings um einiges ausgeprägter erschien als in der Schweiz. Neben den natürlich scherzhaft gemeinten Anträgen zur Sprengung unliebsamer Gebäude in Berlin, die man vor Ort ausfüllen konnte und gleich selbst (wie es sich für eine gute Bürokratie gehört) in einen der vielen Ordner ablegen konnte, hat mir besonders die Absageagentur grossen Eindruck gemacht. Eine erheiternde Kostprobe für frustrierte Arbeitssuchende, die zu jenen gehören, die sich tatsächlich noch eine Festanstellung wünschen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die Ausschreibung oben genannter Stelle. Nach sorgfältiger Prüfung Ihres Angebotes muss ich Ihnen leider mitteilen, dass ich die angebotene Stelle nicht antreten werde. Ich versichere Ihnen, dass meine Entscheidung keine Abwertung Ihrer Person oder Ihres Unternehmens bedeutet, sondern ausschließlich auf meine Auswahlkriterien zurück zu führen ist.
Ich bedauere, Ihnen keine günstigere Nachricht geben zu können und wünsche Ihnen und Ihrer Firma für die Zukunft alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen


Die meisten der genannten Ausstellungen in Berlin sind Vergangenheit.
In den Alpen im Kunsthaus Zürich läuft immerhin noch bis im Januar 2007 und ist für alle sehr empfehlenswert, die etwas für die Magie grosser Steinhaufen übrig haben. Fast alle möglichen Kunstformen - ausser natürlich der suchtgefährdenden Bloggerei - sind in der Ausstellung vereint. Von alten romantisierenden Berggemälden hin zu einer Videoinstallation über die Luxus-Ski-Halle in Dubai mitten in der Wüste, von traditioneller Scherenschnittkunst, hin zu moderner Skihütten-Fotografie und Bildhauerei. Eine Sammlung alter Tourismus-Plakate stimmt nostalgisch, und in einer Ecke kann man sich dank Stereoskop Bilder der Schweiz in antiker 3D-Technik ansehen. Etwas neuere 3D-Technik und gleichzeitg Programmierkünste zeigt eine virtuell begehbare Bergwiese.

Bald wird Züri-Berlin über eine weitere aktuelle Ausstellung in Zürich berichten, die sich mit der Brotlosigkeit von Kunst beschäftigt.

1 Comments:

Anonymous Anonym said...

Vielen Dank für den guten und ausführlichen Bericht. Ich muss zugeben, dass ich es noch nie bis nach Berlin geschafft habe.

www.wiedenmeier.ch/wordpress

11/14/2006 12:48:00 vorm.  

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