Montag, November 27, 2006

Alles fliesst in Züri-Berlin

Obwohl ich zum Ärger einiger Mitmenschen immer in den höchsten Tönen dagegen predige, erliege selbstverständlich auch ich den Reizen des Schwarz-Weiss-Denkens:

In meinem Kopf hatte ich Berlin als die Stadt der steten Veränderung festgeschrieben, wo man sich bloss umzudrehen braucht und schon ist eine andere Strasse die neue hippe Ausgangsmeile oder plötzlich ein neuer Hauptbahnhof aus dem Boden gestampft. So war ich Ende September der festen Überzeugung, ich würde aus einer dynamischen und sich in ständigem Umbruch und totaler Veränderung befindender Großstadt in eine im Stillstand verharrenden kleine Möchtegern-Grossstadt zurückkehren. Ich lag eindeutig falsch, wie zum Beispiel die abgebildete Zürcher Neuigkeit im HB zeigt, die in steter farblicher Veränderung ist. Meine Auflistung von Veränderungen in Zürich vor und nach meinen verrückten Berliner Monaten ist inzwischen länger als jene der mitgezählten Berliner Veränderungen.

Berlin:
  1. neuer HB
  2. neuer Club an der Schlesischen Straße: Lido
  3. neuer Bioladen an der Schlesischen Straße: Zimstern (Konkurrenz für grünäugig)
  4. neues Café an der Schlesischen Straße: Ohio
  5. S- und U-Bahnhof Papestraße wird im Mai zu Südkreuz
  6. blühende WM-Industrie
  7. die Straße des 17. Juni heisst jetzt quasi Fanmeile
  8. gefährdeter Pizza-Verzehr nach Italien-Sieg über Deutschland bei der WM
  9. Quasi-Auflösung meines Berliner Fussball-Teams nach der WM
  10. höchstes Wahrzeichen hatte einen Sommer lang magenta-farbene Kinderkrankheiten

Zürich:
  1. neuer Ida-Platz
  2. neuer Tessiner-Platz nach scheinbar tausend Jahren Baustellen-Platz
  3. Konkurrenz für Berta Bar durch Bottega Berta und Bei Babette (neue BB-Meile an der Bertastrasse - fehlen nur noch das Bert Brecht Bistro und die Brigitte Bardot Bar)
  4. neue Theater-Bar hinter der Tankstelle um die Ecke namens Maier's (Namenskonkurrenz für das Meyer's eine Tramstation weiter)
  5. das Paparazzi am Nägeliplatz wurde zur rauchfreien Café Bar Annabelle
  6. der provisorische Ersatz für die Brasserie Pfauen beim Schauspielhaus
  7. journalistische Höhenflüge an jeder Tramhaltestelle dank der neuen Abendzeitung "heute"
  8. aufgemöbeltes Lochergut mit toller neuer Lichtskulptur (auf Vorschlag des Berliner Künstlers Olaf Nicolai)
  9. Konkurrenz im Zürcher HB für den korupulenten Schutzengel von Niki de Saint Phalle (Foto: Stadtwanderer)
  10. härteres Regime im Fussball-Training
  11. Uni Zürich: Computerräume an einem anderen Ort, der Turm des Hauptgebäudes ist fertig umgebaut inklusive exquisiter Verpflegungsstätte für Dozierende und für spirituelle Momente im Uni-Leben.
  12. Züritipp hat den legendären "Züri by Mike" für ein Jahr verloren. Ein grosser Verlust für die Stadt. Einen "Züri by Mike"-Kalender kann noch immer gewinnen, wer im Cityblog über den Paradeplatz schreibt.
  13. Der Traditionsladen Spengler ist nur noch der Schatten seiner ehemaligen Leuchtbuchstaben am Haus, in das sich die unzähligste Interdiscount-Filiale mit dem denkbar hässlichsten Corporate Design eingenistet hat.
  14. Gegenüber hat sich Navyboot grossflächig eingerichtet, eine Marke, die man in einigen Jahrzehnten als solide Schweizer Brand mit Tradition bezeichnen wird.
Und natürlich gebe ich freimütig zu, dass meine radikalsubjektive Zählung in keiner Weise wirklich beweist, dass Berlin unter den Städten nicht doch die Königin der Veränderung ist.

3 Comments:

Anonymous gonzales said...

Meinst du die Rebbellion der Zimtsterne? Das ist auch ein Café. Ein nettes sogar.

http://www.flickr.com/photos/regular/301279751/

11/28/2006 02:20:00 vorm.  
Blogger martin said...

pfth!

1/08/2007 11:56:00 nachm.  
Blogger sarah said...

A derisive expression; usually denoting disgust and disagreement at the same time. So definiert der Urban Dictionary deinen differenzierten Kommentar. Vielleicht magst du ja deine Abscheu und dein Nicht-Einverständnis ausdeutschen?

1/09/2007 12:03:00 vorm.  

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