Mittwoch, November 08, 2006

Züri-Berlin-Pionier Arnold Kübler

Was bei Züri-Berlin über die sprachlichen Wirren einer Zürcherin in Berlin zu lesen war, hat Arnold Kübler vor mehr als 70 Jahren bereits in kunstvoller Weise vorweggenommen.

Sein in Vergessenheit geratener Roman Der verhinderte Schauspieler schildert nämlich den von einer perfekten deutschen Sprache besessenen Raben Drahtzaun. Um in Deutschland als Schauspieler sein Glück zu suchen, verlässt Drahtzaun nach dem 1. Weltkrieg die Heimat im bäuerlichen Zürcher Oberland. Sein erstes Engagement in einem ostdeutschen Theater ist ein grandioser Reinfall: sein schweizerisches Deutsch wird nicht goutiert und wird zu einem Makel. Sein grösstes Ziel ist von nun an die Vollkommenheit der Sprache, ein "reines Deutsch". Er lässt nichts aus, um sich der "helvetischen Räuspersprache" zu entledigen. Um materiellen Besitz schert er sich nicht: keine Dinge besitzen, will er, aber eine reine Sprache sprechen. Nach ersten Misserfolgen fährt er schliesslich nach Berlin, um den grossen Bühnen wenigstens etwas näher zu sein. Als er vom kulturell brodelnden Berlin der Weimarer Republik zur Beerdigung des Vaters in die Heimat fährt, schmerzt ihn das raue Helvetisch in den Ohren. Mit seiner hochgestochenen Sprache wird er von den ländlichen Menschen allerdings ausgelacht. Er beginnt die Heimat, die sein Teuerstes verachtet, zu hassen. Seine Obsession nach einer perfekten Sprache hat zunehmend groteske Folgen und endet tragisch.

Im Schauspielhaus Zürich fand letzte Woche eine Veranstaltung zu Ehren des Zürcher Publizisten Kübler statt. Trotz des unbekannten Namens war ich glücklicherweise mit einer ermässigten Eintrittskarte und den prominenten Gästen geködert worden, um dem perfekt auf Züri-Berlin zugeschnittenen Anlass beizuwohnen.
Der renommierte ehemalige Literaturprofessor Peter von Matt hat das vergessene Buch ausgegraben und neu herausgegeben. Aus diesem Anlass las letzten Dienstag ein Schauspielerduo Textauszüge, die anschliessend von der hier bereits erwähnten NZZ-Redaktorin in Berlin, Claudia Schwartz, Peter von Matt und Dieter Bachmann vom DU diskutiert wurden.

Arnold Kübler (1890-1983) war neben Schriftsteller auch Zeichner, Schauspieler, Dramatiker und Kabarettist. Zudem hat er die Kulturzeitschrift DU mitbegründet. Sein Erstlingsroman Der verhinderte Schauspieler ist autobiographisch geprägt. Wie Drahtzaun stammt auch Kübler aus dem Zürcher Oberland und hat in jungen Jahren u.a. in Berlin gelebt.

Nicht ganz so obsessiv wie Drahtzaun, aber doch auch bemüht, nicht ständig über sprachliche Helvetismen zu stolpern, fühlte ich mich belustigt betroffen von Küblers literarisch verpackten ähnlichen Erfahrungen. Das Verhältnis zwischen Schweizerdeutsch und Bühnendeutsch, der Schweizer Hochdeutschkomplex (sowie der allgemeine Minderwertigkeitskomplex des kleinen Landes gegenüber dem grossen nördlichen Nachbarn) sind wohl zeitlose Phänomene, die schon Züri-Berlin-Pioniere wie Arnold Kübler und seinen kauzigen Drahtzaun vor vielen Jahrzehnten beschäftigt haben.

Der spätere Kübler liebte übrigens die Schweizer Dialektsprache und übersetzte gar Kästners Emil und die Detektive für Kinder ins Schweizerdeutsche.

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