Neuer Volkssport: German Bashing

Inmitten der aktuellen Querelen um den Quasi-Rassismus, der Deutschen in der Schweiz zunehmend entgegen schlägt, droht selbst das Brückenbauen zwischen Zürich und Berlin ungewollt zur politischen Aktivität zu werden.
Im Blick
Dieses Wochenende ging die Blick-Serie (helvetisch: Seriiiii, teutonisch: Seeeeerie) "Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?" zu Ende. Die Frage bleibt, wie sehr "vertragen" in diesem Kontext selbst für helvetisches Hochdeutsch noch verträglich, nein, natürlich erträglich ist. Der Blick ist sich seiner Zielgruppe scheinbar sehr bewusst, und weiss, dass jene, die den doch beachtlichen deutschen Bevölkerungszuwachs beargwöhnen, wohl kaum "ertragen" sagen würden.

Die Debatte ist natürlich nicht neu, auch die Hochschulen beschäftigt das Thema anti-deutsche Reflexe in der Schweiz immer mal wieder. Seit wenigen Wochen erleben wir allerdings geradezu eine Hochkonjunktur des German Bashings.
Im Schweizer Fernsehen
Er hat sich zum Sprecher der deutschen Auslandgemeinde in der Schweiz gemausert, indem er sich mit humorvollen und sehr konstanten Analysen einen Expertenstatus erbloggt hat: Jens-Rainer Wiese wurde Anfang Februar zusammen mit anderen Deutschland-Schweizern und Schweiz-Deutschen zu einer Sendung im Schweizer Fernsehen eingeladen. Er diskutierte mit der schlagfertigen Berlin-Zürcherin Michèle Roten, die leider gar wenig zu Wort kam (immerhin bekamen unzählige "Michèle Roten Bild"-Googelnde sie endlich mal zu Gesicht), dem offenbar von den Medien falsch zitierten deutschen Botschafter in der Schweiz, einer in der Schweiz wohnhaften deutschen Schauspielerin und dem Schweizer Autor Adolf Muschg, der in Berlin die Akademie der Künste geleitet hat. Zu Gast war schliesslich auch der heiss umstrittene SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli (eine we-love-to-hate-Person in links-liberalen Kreisen), der wie es sich für einen wahren Schweizer Volksvertreter seiner Partei gehört, dem "Volk" nach dem Mund redete: Deutsche seien belehrend ("Pass mal auf...") und würden als arrogant wahrgenommen.

Fussball, FACTS und Elmar
Doch es tat sich noch mehr an der helvetisch-teutonischen Front: Zwei Tage nach der Sendung verlor die Schweizer Männerfussball-Nationalmannschaft 1:3 gegen Deutschland. Nach dem Spiel steckt das Schweizer Team in einer mittleren Krise.
In der Zwischenzeit titelte auch der Schweizer "Spiegel", das Nachrichtenmagazin FACTS: Die Deutschen - Wo liegt das Problem?
Der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber veröffentlichte ebenfalls praktisch zur gleichen Zeit einen offenen Brief in süddeutschen Zeitungen. Aktive Diplomatie im schweizerisch-deutschen Flugstreit. Der Tages-Anzeiger meldete, Ledergerber hätte die Süddeutschen mit Stammtischparolen provoziert, die NZZ berichtete von empörten Reaktionen. Ein deutscher Leser der NZZ am Sonntag attestierte Ledergerber hingegen Kommunikationstalent: "So redet man mit Deutschen".
"Deutschland light" und Versöhnung
In kurzer Zeit wurde das Thema Deutsche in der Schweiz mit einem hohen Emotionalitätsfaktor versehen. Sprachliche und andere Minderwertigkeitskomplexe treiben wilde Blüten und besonders die Angst, der manchmal ungeheure Schweizer Wohlstand könnte geschmälert werden, indem man ihn neben Ausländern und Sozialschmarotzerinnen auch noch mit den nördlichen Nachbarn teilen müsste, sitzt tief. Das Boot ist angeblich voll. Das hiess es allerdings bereits in den 60er Jahren.

Um löbliche Integration bemüht, ist neben der Blogwiese auch Hallo Schweiz. Dort werden Deutsche in praktische helvetische Eigenheiten eingeführt und mit Verweis auf eine Radiosendung vorgewarnt: "Für viele Deutsche ist die Schweiz nicht Ausland, sondern eine Art Deutschland light. Ein Irrtum, denn die Schweiz tickt anders als der grosse Nachbar im Norden. Im Bemühen, hier Fuss zu fassen und Freunde zu finden, stossen viele deutsche Familien auf unsichtbare Mauern."
Deutschland, und Berlin im Besonderen, sei dringend dazu aufgerufen, die Zahl der Schweizer Ansässigen, Aufenthaltsbewilligten und Wochenendjetter zu veröffentlichen. Ausmärsche relativieren angebliche Einmärsche: Roger Schawinski durfte sich im deutschen TV austoben, Jörg Kachelmann hat den Deutschen mit seinem besonderen helvetischen Charme „Blumenkohlwolken“ gebracht und Roger Köppel der Welt das Fürchten gelehrt, bis sie sich wieder eine Woche anhängte und nach Helvetien zurückkehrte.
Und wenn die BLICK-Schweiz schon keine Deutschen mehr verträgt und folglich Deutschland die arrogante Schweiz nicht mehr erträgt, plädiert Züri-Berlin schlicht dafür: Vertragen wir uns wieder.