Nur Fussball rettet die Welt

Der FC Zürich ist seit gestern Schweizer Fussballmeister. Obwohl ich lieber selber Fussball spiele als zuschaue, verfolgte ich gestern nach dem Training mit meinem Team das entscheidende Spiel. Die Stimmung in unserer stickigen und masslos überfüllten Stammkneipe "El Lokal" war ergreifend und wunderbar heiter. Der FC Basel wurde mit dem Sieg des FCZ auf den zweiten Platz verwiesen. Der Beweis: Fussball ist die wirkungsvollste Verkaufsförderung für Städte. Daneben kann - zumindest innerhelvetisch - jegliches Standortmarketing unter dem Titel "Zurich - Downtown Switzerland" einpacken.
Im vergangenen WM-Sommer versuchten wir an der Humboldt Universität zu Berlin, dem Geheimnis des Fussballs auf die Spur zu kommen. Es wurde damals viel philosophiert und auch viel ge-blabla-t. Die populäre Faszination konnte dennoch nicht richtig entschlüsselt werden. Die heile Fussballwelt ist der kleinste gemeinsame Nenner von Menschenansammlungen.
Alles andere ist Privatsache: ob man mit dem Vieltelefonierer-Handy-Abo sunrise relax super spricht, Migros Budget Mobile ohne Abo oder E-Plus Videotelefonie, ob man agnostisch, patchworkreligiös oder hinduistisch ist, ob man arbeitet oder mit einem von der Sozialhilfe bezahlten BMW durch die Stadt kurvt, ob ich ein Paket mit der Post, mit DHL, per Velokurier, GLS oder Hermes PaketShop versende, was Mann mit Frau, Frau mit Mann und Frau (oder in allen anderen erdenklichen Kombinationen) tut und ob man dafür den Trauschein einholt oder nicht, ob man Bio-Äpfel verspeist oder nicht, ob man Systeme lieber mit mikroweichen Fenstern, angebissenen Äpfeln oder freien Pinguinen betreibt, ob man nach dem Besuch des stillen Örtchens die Hände wäscht oder nicht.
Im Grunde alles egal, "muss doch jede und jeder selbst wissen, nicht wahr." Jawohl, wir üben uns brav im Umgang mit der quasi totalen Freiheit und Beliebigkeit. (Ende des Exkurses, der mich wohl unverkennbar als Vertreterin einer mit Möglichkeiten allzu verwöhnten Generation brandmarkt)
Kein Wunder, dass Fussball das einzige ist, was in der beschriebenen Gesellschaft noch ein Gemeinschaftsgefühl auszulösen vermag.
Da jubelt und hupt Zürich, fühlt sich in seiner Schweizer Vormachtstellung bestätigt und die restliche Schweiz hasst Zürich noch ein bisschen mehr dafür. Dass die FCZ-Torschützen so waschechte Zürcher Namen wie Francileudo Silva dos Santos und Xavier Margairaz tragen, ist wahrscheinlich sogar den Patrioten der einbürgerungsfeindlichen Zürcher SVP egal. Hauptsache Zürich. Zürich über alles.

Update:
Was ich nicht wusste, als ich haltlose Dinge über Fussball, Städte und den Berliner Fussballclub Hertha BSC von mir gab: Dass der FC Zürich-Trainer Lucien Favre möglicherweise nächstens Trainer von Hertha BSC wird.
Der Stadtwanderer von Bern (aka Politologe der Nation Claude Longchamps) ist übrigens dieser Tage Stadtwanderer von Berlin und schreibt interessant über den Checkpoint Charlie (wohl jene Berliner Sehenswürdigkeit, die an Unauthentizität kaum zu überbieten ist), die charmante Berliner Servicekultur und erwähnt auch die "Stadt des Wandels".