
Zürich gehört zu den zehn
teuersten Metropolen der Welt. Die 300 Superreichen der Schweiz haben zusammen 455 Milliarden Franken, und 3.75% der Schweizer Bevölkerung besitzen 54.1% der Vermögen, war neulich über die Schweizer Massenmedien und
Lieblingsblogs zu erfahren. Kein Wunder also, dass die Fassade eines einst besetzten Hauses namens
Wohlgroth beim Zürcher Hauptbahnhof dazu diente, das
SBB-Ortsschild Zürich in
das provokative ZUREICH umzuwandeln.
Viele Jahre später wurde die mit Sicherheit kapitalismuskritisch gemeinte Umdeutung mit ihren eigenen Mitteln geschlagen: ein
profitorientierter Mobilfunkanbieter warb nur wenige Meter vom längst abgerissenen besetzten Haus entfernt mit der Behauptung, es werde zu reich, wer mit solch günstigen Angeboten telefoniere.
Marcuse-Belesene und mit dem 1968er-Jargon Vertraute würden an dieser Stelle das in links- dogmatisch- intellektuellen Kreisen gern gehörte Stichwort der
repressiven Toleranz einwerfen. Diese meint die "Ausdehnung der Toleranz auf politische Praktiken, Gesinnungen und Meinungen, die geächtet oder unterdrückt werden." Manche behaupten, dass genau dies das kapitalistische System so erfolgreich mache: grosszügige Toleranz – ja sogar positive Umdeutung – scharfer Kritik, was mit einer Verharmlosung einhergehe. Egal, ob man nun konsumkritisch oder hedonistisch eingestellt ist: Niemand kann leugnen, dass es sich um einen Geniestreich einer findigen
Werbeagentur handelt.
Berlin ist dagegen alles andere als zu reich:
"Arm, aber sexy" ist für Berlin schon fast was
little big city für Zürich ist: der heimliche Slogan der Stadt. Seit Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit – besser bekannt als Wowi – seine gehypte Stadt inmitten dramatischer Finanzkrisen als "arm, aber sexy" bezeichnete, haben Stadttheoretikerinnen und andere Schwätzer ein neues
Debattierthema gefunden.
Mercedes Bunz, inzwischen erfolgreiche Chefredakteurin* des hippen Stadtmagazins
zitty (deren aktuellste Titelgeschichte zufällig
meine ehemalige Berliner Straße ist) prägte den viel zitierten, inzwischen stehenden Begriff der
urbanen Penner. Damit sind keine unter Brücken nächtigende
Clochards gemeint, sondern die unterbezahlte "unterschätzte, kreative Elite Berlins".
Am Donnerstag wird im
rbb-Fernsehen zum Thema
„Arm, aber sexy“ – reicht das? diskutiert: die magische Anziehung der Stadt auf Künstler, Erasmus- und andere Studentinnen sowie weitere Berlin-Pilgernde (2006 wurde mit 140 Millionen Besucherinnen und Besuchern ein Rekord verzeichnet), der
Berlin-Hype und die gleichzeitig miserable Finanzlage der Stadt. Mit von der Partie sind auch Mercedes Bunz (die übrigens der umtriebige
sms ;-) vom visionären Vlog
((( rebell.tv ))) neulich mal interviewt hat) und natürlich „Arm, aber sexy“-Urheber. Wowi hat ein gewinnendes Auftreten, manche halten ihn allerdings eher für einen Partyhengst, als für jenen, der Berlin zwar nicht gerade zu reich machen wird, aber immerhin nicht mehr ganz so arm, und doch noch sexy. Wie steht es eigentlich um die Kombination von zu reich und sexy? Unvereinbar? Überhaupt soll mal jemand erklären, welche Eigenschaft denn einer Stadt das offenbar erstrebenswerte Attribut
sexy einbringen kann. Vielleicht hat ohnehin bloss eine auf das Allheilmittel "Sex sells" getrimmte Polit-PR-Agentur Wowi den inzwischen legendären Ausspruch eingeflüstert.

Bunz' urbane Penner positiv umgedeutet haben neulich Holm Friebe und Sascha Lobo mit ihrem viel beachteten Buch
Wir nennen es Arbeit. Die gleichen kreativen Menschen mit Laptop sind nun keine bemitleidenswerten urbanen Penner mehr, sondern dürfen sich fortan – was natürlich viel sexier und erstrebenswerter klingt – als
digitale Bohème bezeichnen. Deren Inbegriff ist es, auf eine Festanstellung selbstbewusst zu pfeifen und kreative Arbeit an einem inzwischen möglichst schwarzen Mac-Book in einem hippen Berliner W-LAN-Café zu verrichten. Cool, ganz bestimmt. Aber reich, geschweige denn zu reich?
*teutonische Version der helvetischen ChefredaktorinZureich-Bilder mit freundlicher Genehmigung von lido_6006. Mehr Zureich-Bilder bei Flickr.
Eine spezielle Person (und alle andern, die es nie zu sagen wagten) verzeihe mir, dass hier die Welt schon wieder mit besonders humorlosen Ausdrücken wie "kapitalismuskritisch" belästigt wird.