Einstürzende Neubauten und Städtekoalitionen

Berlin holt sich Zürichs stellvertretende Direktorin für Städtebau als Senatsbaudirektorin: Regula Lüscher stammt zwar aus (dem Zürich intimfeindlich verbundenen) Basel, hat aber an der ETH Zürich Architektur studiert und seit 2000 die Gesamtleitung Stadtplanung von Zürich übernommen. Das Berliner Headhunting war offensichtlich erfolgreich.*
Die neue Senatsbaudirektorin wird die grosse Herausforderung annehmen müssen, die Gegend um den ehemaligen Lehrter Bahnhof zu einem richtigen zentralen Stadtteil zu machen: um den Hauptbahnhof endlich von seinem "in the middle of nowhere"-Dasein zu befreien. Als es neulich ein bisschen windig war, fiel tatsächlich ein tonnenschwerer Stahlträger vom neuen gläsernen Prestigebau herunter. Der Deutsche Bahn-Chef Mehdorn muss auch dafür seinen Kopf hinhalten – die Medienleute verleihen ihm ohnehin längst Anti-Preise. Und die Berliner Band "Einstürzende Neubauten" darf wohl auf der Katastrophenwelle eines rauschenden Comebacks reiten.
Während das offizielle Zürich eine verdiente Städteplanerin nach Berlin exportiert, interessiert es sich zurzeit – statt für die Freundschaft mit Berlin – offenbar mehr für die Partnerschaft mit San Francisco. Gemäss einer vorgestern unterzeichneten Vereinbarung wird der Wissensaustausch nun auf die Stadtverwaltungen ausgedehnt.
Immerhin die Universität Zürich und die Humboldt Universität zu Berlin haben (zusammen mit der Uni Wien) im Sommer eine strategische Allianz gebildet, die allerdings in Tat und Wahrheit in erster Linie eine Verbrüderung von Theologie-Professoren ist, die auf den Uni-Rektoren-Posten befördert worden sind. Wenn dies und der Aufruhr in Bezug auf die im Branding-Fieber veranlasste Änderung des Domainnamens von unizh.ch auf uzh.ch die Uni-Bauten der HU und der neuen Marke UZH nicht zum Einstürzen bringt, besteht unter Umständen noch ein Funken Hoffnung auf eine starke wissenschaftliche Achse Züri-Berlin-Wien.


*Der Brain Drain - um nach Headhunting und Branding und Domain dem Denglischen noch eins drauf zu setzen - von Zürich nach Berlin geht weiter. Auch wenn ein bereits erwähnter Berliner Professor, der sich in gestern Abend erstaunlicherweise im gleichen Zürcher Restaurant aufhielt, das Gegenteil behauptete und vielleicht für den akademischen Bereich gar nicht so falsch liegt. Nennen wir es fruchtbaren Austausch. Obwohl Hirn-Abfluss interessanter klingt.