
Immer wieder mal versuche ich zu fassen, dass vor gut 16 Jahren meine Strasse von der Mauer geradezu umzingelt war. Die Köpenicker Straße war ganz im Osten des damaligen Westberlins, verlief parallel zur Mauer und war zudem in der Mitte getrennt - die andere Hälfte war im sowjetischen Sektor.
An vielen Stellen in der Stadt ist kaum mehr zu erahnen, dass dort 1989 noch eine Mauer stand und Ost- und Westberlin voneinander trennte. An anderen Stellen stehen noch ganze Mauerstücke, die der Erinnerung dienen sollen. Das längste Stück Mauer, das noch steht, ist einen guten Kilometer lang und nennt sich
„East Side Gallery“. Es wurde von internationalen Künstlerinnen und Künstlern nach der Wende bemalt und wurde so zur „Galerie“. Heute ist es grösstenteils versprayt oder rekonstruiert worden. Als ich letzten Sommer zum ersten Mal dem langen Mauerstück entlang ging, überkam mich ein beklemmendes Gefühl, obwohl ich mir die Mauer immer höher vorgestellt hatte, als sie tatsächlich ist.
Seltsamerweise spricht man meist davon, dass die Leute in Ostberlin und der DDR eingesperrt waren. Tatsächlich war aber das "freie" Westberlin von der Mauer umgebenes Gebiet inmitten der DDR.
Persönlich erzählte Lebensgeschichten, die von der Mauer geprägt sind, stimmen mich nachdenklich: Verwandte, die während des Mauerbaus geflüchtet sind oder durch die Mauer getrennte Familien. Oder das positive Bild vom Westen einer Ostberlinerin, die nach dem Mauerfall begriff, dass der Westen gar nicht so ist, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, und in eine Depression fiel.
Der Berliner
Mauertourismus ist nicht zu unterschätzen, macht dieses Stück Geschichte eine Besonderheit der Stadt aus. Einige setzten sich ernsthafter damit auseinander, andere begnügen sich, beim berühmtesten damaligen Übergang am
„Checkpoint Charlie“ die Kontrollbaracke wie irgendeine andere Sehenswürdigkeit zu fotografieren. Sie wissen wohl nicht, dass die zu Mauerzeiten gar nicht dagestanden hat. Wiederum andere beweisen, dass sich selbstverständlich auch Geschichte kommerzialisieren lässt: Drei „historische“ Museen, unzählige Imbissbuden, Internetcafés und Anbieter für Mauerspaziergänge konkurrieren beim „Checkpoint Charlie“ um touristische Kundschaft. Souvenirshops verkaufen massenweise „officially certified original Mauerstücke“ und andere Unglaublichkeiten zu horrenden Preisen. Da schlagen sich manche Touristinnen und Touristen einfach selbst ein Stück aus der übrig gebliebenen Mauer.

Ich kann es nach wie vor nicht fassen, was ein Leben mit Mauer wirklich bedeutet haben muss, und es erschreckt mich, dass andernorts wieder Mauern gebaut werden. Momentweise wird mir gerade im Zusammenhang mit der Mauer wieder klarer, warum es sich lohnt, sich für eine "freie" Demokratie einzusetzen.
Die Geschichte Zürichs im 20. Jahrhundert ist verglichen mit Berlin geradezu richtig langweilig. Aber Langeweile hat eben auch ihre angenehmen Seiten.
Das übrig gebliebene Stück Mauer beim Gropius-Bau.