
Von der schönen und inspirierenden
re:publica-Konferenz in der Berliner Kalkscheune bin ich längst wieder hinabgestiegen. Sowohl geografisch in den Süden hinab wie auch grammatisch. Deutschländisch-deutsch befindet man sich ja
auf einer Konferenz, während man helvetisch-deutsch
an einer Konferenz ist. So gesehen befinden sich Konferenzteilnehmende aus Schweizer Sicht in Deutschland
oben drauf, und Nicht- Konferenzteilnehmende folglich
darunter. Seltsamerweise geht man in Helvetien aber auch
auf die Post, obwohl man eigentlich nicht darauf, sondern
hinein bzw. in Deutschland
zur Post geht. Berliner Studierende gehen
zur Uni, Zürcher Kopflastige hingegen
an die Uni.
Tour de Berlin
Am letzten Konferenznachmittag schlich ich von der Kalkscheune aus zum Bahnhof Friedrichstraße, mietete ein Fahrrad und klapperte in Kürze den touristischsten Berliner Stadtteil rund um das Boulevard "Unter den Linden" ab. Wo letzten Sommer
beim Brandenburger Tor grosse WM-Stimmung gemacht wurde, hat nun Europa Einzug gehalten – sogar direkt neben der EU-freien Zone, der Schweizer Botschaft, werden europäische Ideen entwickelt.

Und es gibt gar Anzeichen dafür, dass in Europa frischerer Wind weht als in Deutschland. So sprachen jedenfalls an jenem Nachmittag die Flaggen vor dem deutschen Bundestag.

Der
Palast der Republik - ein
langwieriges Abriss-Projekt ausgedehnter (politisch korrekt gesprochen) "selektiver Rückbau" - ist noch etwas durchsichtiger geworden seit meinem letzten Besuch. Der ehemalige DDR- Regierungspalast kommt mir in seiner entsorgungs- technischen Widerspens- tigkeit vor, als würde er sich sinnbildlich gegen die Wegrationierung der Vergangenheit wehren, die nicht direkt in der
Ostalgie-Souvenir-Maschinerie verwertbar ist.

Von Nike
gesponserte WM-Kunst ist hinter dem Kulturzentrum "Tacheles" noch immer zu finden und auch ungesponserte Berliner Streetart fasziniert mich weiterhin.


Zum ersten Mal habe ich mich zudem an die hinteren Enden der
Waschmaschinen-Architektur des Kanzleramtes getraut.
Am letzten Abend, vor der Hast zum südwärts gerichteten
CityNightLine am Berlin Hbf, war noch Zeit für einen Transfer von Berlin-Mitte nach Kreuzberg. Die ewige Baustelle neben der S-Bahn beim Alexanderplatz hat massiv-rote Formen angenommen und der wunderbare Ausblick von der U1 auf der Oberbaumbrücke verrät, dass nun leider doch ein sauerstoffhaltiges
Mobilfunkunternehmen an der wässrigen Spree die Strandbars hinter der
East Side Gallery verdrängen wird.
Am Schlesischen Tor, meinem ehemaligen Berliner Wohnort, hat sich weniger verändert als erwartet: Die harte Döner-Konkurrenz zwischen dem
Bistro Bagdad und dem
Türkiyem Imbiss hält an und das vietnamesische Restaurant
Cûno nebenan kocht noch immer leckere "fliegende Ente" (obwohl man sich natürlich streiten kann, wie sehr die
duck in diesem köstlichen Zustand noch
flying ist) und die Bedienung ist - für Berliner Verhältnisse - weiterhin unschlagbar freundlich.
Tour de GermanophonieNach der Konferenz absolvierte ich innerhalb von 24 Stunden eine wahre
Tour de Germanophonie - mit dem Nachtzug von Berlin nach Zürich, und am selben späteren Nachmittag übers Wochenende in den erholsamen Bregenzerwald. Ich ratterte in diversen Eisenbahn-Modellen durch Deutschland, die Schweiz, das Fürstentum Liechtenstein nach Österreich. Gefehlt hat nur noch Luxemburg. Und vielleicht noch
Ostbelgien und Südtirol. Und wer es ganz genau nimmt, könnte natürlich auch einwenden, dass ich die
Nordschleswiger in Dänemark, die
Dobrutschadeutschen auch berücksichtigen müsste, und bitteschön auch gleich die
Siebenbürger Sachsen, wenn ich schon behaupte, nach regem Verkehr auf den Datenautobahnen der
re:publica-Konferenz, in Rekordzeit auf Zugschienen durch so einige deutschsprachige Länder gerast zu sein.
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